Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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148 Der jüdische Student liehen Erfolge und Mißerfolge. So verhindert' er ein Überschauen längerer Zeiträume, ein historisches Prüfen und Messen und läßt die Ewigkeitsfrage nach der Existenz und der Existenzfähigkeit des jüdischen Volkes nicht aufkommen. Er erschwert die Erkenntnis, daß das Problem des modernen Judentums das Judentum selbst ist Denn er gibt dem Judentum das Ansehen der Bewegtheit und des Lebens; aber er täuscht nur darüber hinweg, daß im Innern des deutschen Judentums alles Leben zu erlöschen droht. II. Es ist die beschämendste Tatsache in der neueren Geschichte der Juden, daß es der Antisemitismus vermocht hat, das Judentum von den Quellen seines Lebens zu entfernen und in eine erdachte und unwirkliche Existenz zu verbannen. In welchem Maße das Urteil der deutschen Juden über sich selbst vom Antisemitismus abhängig, d.h. von antisemitischen Urteilen verwirrt ist, läßt eine kurze Überlegung erkennen. Das Argument, mit dem der Antisemitismus die Emanzipation der deutschen Juden von jeher zu vereiteln gesucht hat, war der Hinweis auf das andere und besondere jüdische Volkstum. An der Existenz eines jüdischen Volkes hat bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland niemand gezweifelt. Man redete in der Schriftsprache der staatlichen Urkunden und im Sprachgebrauch der Gebildeten stets von einer jüdischen „Nation", und die Juden selbst fühlten sich als die Glieder einer über die ganze Welt zerstreuten „Nation". Als aber der Antisemitismus aus der nationalen Sonderart Argumente gegen die Emanzipation der Juden herzuleiten begann, da leugnete man aus Furcht vor dem Antisemitismus ohne Kritik und Ueberlegung das eigene Volkstum ab, — statt für die Rechte dieses Volkstums einzutreten. Da erfand man die große jüdische Notlüge des 19. Jahrhunderts, daß die Juden eine „Konfessionsgemeinschaft" wären. Und von dem Augenblicke an, da diese Auffassung ihres Daseins in das Bewußtsein der deutschen Juden erhoben wurde, galt derjenige als ein Verräter, der sich stolz auf sein Volk berief, — nur deswegen, „weil er dasselbe sagte, was die Antisemiten behaupten". Und man empfand nicht, daß man sich in blinde Geistessklaverei begeben hatte.