Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Der Jüdische Student Monatsschrift des Bundes Jüdischer Corporationen 8. Jahrg. Berlin, 20. September 1911 No. 5/6 Vom Kampf gegen den Antisemitismus i Die Gefahr, welche der Antisemitismus über die westeuropäische Judenheit des 19. und 20. Jahrhunderts heraufbeschworen hat, besteht weniger darin, daß er ihrer Anteilnahme am Leben der Völker Grenzen setzt, als in der Korruption ihrer Instinkte und Gefühle. Wie die Entwürdigung mittelalterlicher Grausamkeit in zahllosen Geschlechtern des jüdischen Volkes die Würde körperlichen Kraftbewußtseins brechen mußte, so raubt ihm heute die feinere Demütigung neuzeitlichen Judenhasses die freie Objektivität des Denkens und die natürliche Sicherheit des Empfindens. Wäre es anders, so müßte es in unseren Tagen mehr Juden geben, die es vermöchten, das Schicksal ihres Volkes mit Unbefangenheit und mit Ruhe zu betrachten. Aber der Antisemitismus macht aller Augen blind. Während im deutschen Judentum die Auflösung von innen heraus begonnen hat, stehen Führer und Massen in einer erregten und krampfhaften Abwehrstellung. Als ob heute der Antisemitismus der schlimmste Feind des Judentums wäre, und nicht vielmehr das Ersterben des Stammesbewußtseins in der nachwachsenden Jugend, und der Zweifel, der sich in die Herzen der Jungen schleicht und sie fragen läßt: Was ist der Sinn unseres Judeseins? Doch die Sorge um den äußeren Feind lenkt den Blick von allem Innerlichen ab. Im Kampf gegen den Antisemitismus konzentriert sich das letzte jüdische Bewußtsein der älteren jüdischen Generation; er raubt ihr Ruhe und Selbstbesinnung, er lähmt ihr Verständnis für die Probleme der jüdischen Seele. Er bannt die Interessen in die Enge gegenwärtiger und äußerlicher Erwägungen, denn er haftet am zeit-