Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 4 (20.7.1911)
- Date
- 1911-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Der jüdische Student der Eröffnung den langsam sich füllenden Saal beobachtet, der muß über diese Mannigfaltigkeit der Typen erschrecken und sich fragen, ob es denn wahr ist, daß es noch ein einheitliches jüdisches Volk gibt. Und wenn es das noch gibt, wie lange es noch stark genug sein wird, sich gegen diesen unaufhörlichen Ansturm des Fremden zu erhalten? Das Bild des Kongreßsaales zeigt mit erschreckender Klarheit die ganze Größe unserer Gefahr. — Mit einem Schlage ist dies beklemmende Gefühl verschwunden in dem Augenblicke, da, vom Präsidenten geführt, das Aktionskomitee den Saal betritt. Wer bis dahin an der Einheitlichkeit der Menschen zweifelte, die den Saal füllen, der erlebt sie jetzt. Er erlebt sie in dem rasenden, rührenden Sturm der Begeisterung, der das Aktionskomitee empfängt. In diesem Wirbel verschwindet der Einzelne, und es bleibt nur ein einziger, sinnverwirrender Aufschrei voll Glück und Hoffnung, voll Sehnsucht und Dank. Wer das Aktionskomitee bildet, ist in diesem Augenblick gleichgiltig; man jubelt den Männern zu, die für uns trotz allem den Zionismus repräsentieren, die wir gewählt und denen wir vertraut haben. Man grüßt sie, weil sie die von Herzl geschaffenen Sitze innehaben; man neigt sich vor dem Präsidenten als dem Nachfolger Theodor Herzls. Was sind alle Notabein und Autoritäten gegen diese Männer, die wirklich nur deshalb gewählt werden, weil sie die treuesten und besten Juden sind, und von denen wir für den Zionismus alles verlangen, was sie zu geben haben. Vom Kongreß in das Aktionskomitee berufen zu werden, ist die höchste Ehre, die einem Juden zuteil werden kann. Die gehobene Stimmung, die die Botschaft des Präsidenten und die Programmrede Nordaus begleitet, kann natürlich nicht während des ganzen Kongresses bestehen. Der Kongreß ist zusammengekommen, um bestimmte Fragen zu beraten. Daß die Beratungen sich nicht immer in sachlicher Ruhe vollziehen, ist leicht verständlich. Aber es wäre verkehrt, als das Charakteristische die Dissonanzen zu betrachten, die sich fast in jeder Debatte bemerkbar machen. In der Rede, die Wolffsohn bei uns in Berlin gehalten hat, wies er auf das hin, was die Stärke und die Schwäche unserer Kongresse ist: „Weil wir alle nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen