Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 1 (20.4.1911)
- Date
- 1911-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 25 der Traditionellerzogene mag von vornherein eine andere Stellung zum Judentum haben, als wir, und deshalb auch eine andere Entwicklung. Er mag es nicht so ganz vergessen haben, daß er Jude ist, und sich deshalb leichter und schneller auf sich selbst besinnen. Aber dieses bloße Wissen um sein Judesein tut es noch nicht, wenn daraus nicht ein „sich im Ganzen Fühlen" wird, wenn daraus nicht die Pflicht erwächst, sein Judesein weiter wirken zu lassen. Dies ist doch auch hier ein Neues, ein erst zu Erwerbendes, wie es das bei jedem Patrioten ist, wes Volkes er auch sei. Und dann, wissen wir nicht, wie leicht diese traditionelle Erziehung wiegt? Kann man nicht trotz ihr ganz vergessen, daß man Jude ist? Können wir das denn nicht tagtäglich beobachten? Wir Assimilanten haben es ganz vergessen, aber konnte es Euch nicht auch so ergehen und ist es nicht manchem unter Euch so ergangen? Der Traditionellerzogene hat aber auch gefühlsmäßig eine eine andere Stellung zum Judentum, er hat noch eine Liebe zu ihm. Diese Liebe ist jedoch nicht identisch mit dem Patriotismus, mit dem sie nur zu leicht und nicht nur bei uns verwechselt wird. Worauf beruht nun diese Liebe? Bestenfalls ist sie nicht mehr als Anhänglichkeit an schöne Jugendtage, an. Dinge, die uns wert sind, teils weil sie selber schön sind, teils um derer willen, die sie uns lehrten. Gewiß, auch diese Liebe ist gut und wertvoll. Aber wir wissen doch auch, wie problematisch sie ist. Eine jüdische Jugend erzeugt ebenso leicht Haß gegen das Judentum wie Liebe zu ihm. Aber viel wesentlicher ist dies. Ist denn diese Liebe schöpferisch? Kann sie sich nicht damit begnügen, das Schöne zu erhalten, solange es geht, und das Wertvollere und Schönere, wenn es sich nicht mit ihm vereinen läßt, an seine Stelle zu setzen? Ist diese Liebe denn auch wirklich eine Liebe zum Volk? Sie erstreckt sich doch nur soweit aufs Ganze, als es sich aus dem Einzelnen, das einem teuer ist, zusammensetzt. Der Patriot liebt auch das Leben seines Volkes, aber er liebt es, weil er darin die Manifestation seines Geistes sieht. Vielleicht ist diese Liebe sogar echter und tiefer, weil sie den Kern der Dinge liebt. Daß wir aber lange geglaubt haben, es gäbe nur jene Liebe zum Judentum, die nicht Patriotismus, hat uns den Zionismus lange nicht finden lassen. Denn ihrer sind wir nur fähig, wenn wir romantisch genug