Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Der jüdische Student. Breite zu, erstreckte seine Auswirkungen in bis dahin ungekannte geographische Weiten und verknüpfte ihn mit fernster Vergangenheit. Gedeihen konnte er füglich nur in der Freiheit von allen früher als schlechthin notwendig betrachteten Abhängigkeiten. Andrerseits mußte er, unbegrenzt, zum geistigen Verfall, zur Zersplitterung führen. Die erforderliche Begrenzung durch eine Tatsache, nicht durch ein Dogma, bot allein die Nation, in deren reichen Rahmen sich die freieste Persönlichkeit einfügen konnte. Historische Gründe, die Verbindung von Nationalismus und Liberalismus bis 1848 und bis in die Konfliktsjahre des preußischen Staates hinein, haben dazu geführt, daß sich die Juden in Deutschland lange Zeit noch nach ihrer Emanzipation als zum Deutschtum national gehörig fühlen konnten. Erst später eintretende Scheidungen im deutschen Volkskörper selbst haben zur „Aus"scheidung der Juden geführt. Die Geschichte der deutschen Turnerschaft bietet ein Beispiel, wie nationale Freiheit und religiöse Bindung in Wechselwirkung um die Seelen rangen. Jahn, von dem die Einführung des Turnerspruches „Frisch, frei, fröhlich, fromm" stammt, wollte das Wort „fromm" in dem, wie er meinte, etymologisch richtigen Sinne von „voran" oder auch als „zuverlässig, rechtliebend" verstanden haben. Aber im Jahre 1846 bereits mahnte Heinrich Feising aus Darmstadt, als.er die Einführung des vierfachen F als Turnerzeichen empfahl: „Vergeßt mir nicht, daß es auch das Christenzeichen ist", sprach Adolf Spieß: „Eine Turnerschaft, wie wir sie begreifen, kann nur in christlichem Sinne betrachtet werden." Diese Richtung hat mehr und mehr an Boden gewonnen in der deutschen Turnerschaft. Nicht nur das Turnerzeichen ist eingeführt, die Turnerschaft ist heute — auch politisch — „fromm" in einem ganz anderen als dem von Jahn, dem von der preußischen Regierung verfolgten „Demagogen", verstandenen Sinne. Trotzdem waren und sind auch heute noch eine ganza Anzahl Juden in der deutschen Turnerschaft. Auf lange Zeit hinaus war damit das Entstehen einer jüdischen Turnbewegung unmöglich, da diese nur von Deutschland ausgehen konnte, dem klassischen Lande des Turnens, dem Zentrum eines von jüdischen Imponderabilien erfüllten, zugleich die Einflüsse der modernen Kultur willig aufnehmenden Judentums. Wohl gab