Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Der jüdische Student. hört so oft mit Beziehung auf ihn, daß die „wirklich Großen" bescheiden gewesen.) Wir leugnen es nicht: Er preist sich selbst in einem berauschenden Hymnus als das Schwert und die Flamme. Er spöttelt über einen Ausfall des Kritikers Rüge gegen ihn : „Ich aber lebte frisch und gesund und unsterblicher als je." Seinen Ratcliff (der uns an die Hintertreppenromane unserer Tertianerzeit erinnert) erklärt er für ewig unvergänglich und stellt sich mehr als einmal neben den von ihm vergötterten Napoleon. Aber wir erkennen: Er braucht diesen Weihrauch auf seinem einsamen Weg, um nicht hilflos zu versinken. Der Glaube an seinen Dichtergenius hält allein das Innere noch zusammen. Ich möchte an dieser Stelle, da ich von seiner den Germanen unverständlichen Eigenart sprach, noch etwas anderes erwähnen: Das berüchtigte Verbot eines Heinedenkmals in Deutschland. Ich habe nie begreifen können, warum wir die Deutschen mit Gewalt dazu zwingen wollen, den ihnen in jeder Faser Fremden durch ein Denkmal zu ehren. Ich fände es genau so ungereimt, wollte man mich bewegen, zum Denkmal des deutschen Dichters Gustav Freytag (eines allerdings erheblich Kleineren) etwas beizusteuern, für dessen schleimiges Gemüt mir jede Spur von Verstehen abgeht. Freuen wir uns, daß sie den Juden Heine zurückweisen! Wir verzichten auf freundliches Entg egenkommen, auf gebildetes Mitleid. Der Mann, den wir feiern, hat's nicht nötig, sich von Fremden beschenken zu lassen, wir haben ihm in uns ein Denkmal errichtet, wie's einem jüdischen Helden gebührt. Denn ein Held war er bis zu seinen letzten Stunden und gerade am Ende, da die Mouche ihm mit ihrer stillen Anmut die Qualen der Krankheit linderte. Keine Siegfriedsgestalt freilich, die, kindlich an Gemüt, mit goldenen Locken in die Sonne sieht und den Schmerz nur aus den Märchen ihrer Amme kennt, sondern eines leidenden und zerquälten Gottes Werk war sein Leben, der seine Asche zu Berge trug, von allen Teufeln war er besessen, ohne Grund unter den Füßen, ohne Sterne überm Haupt. Aber einer, der selbst seine Zerrissenheit noch genial gestaltete, ein Unsterblicher, von dem in uns allen etwas lebt. Es bedeutet wohl die höchste Tragik, wenn er am Schlüsse seines Lebens bekennt: