Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 357 Genuß mit dem Schöpfer dieser Mißklänge mitzugehen; wir erinnern uns nur erkennend an den Spruch eines jüdischen Weisen: Je größer der Mensch, desto größer die Leidenschaft. Zu groß und zu ehrlich scheint er mir, als daß er den Juden in sich hätte vor die Tür setzen und in dem Andern restlos aufgehen können. Gibt es irgend einen Beweis dafür, daß die Taufe nichts wegzuwaschen imstande ist, hier wird er mit tragischer Gewalt erbracht. (Man muß allerdings ein gewisses niedrigstes Maß von Persönlichem dazu besitzen; der geschmeidige Epheu kriecht schließlich auch um den fremdesten Stamm.) Möglich, daß das Cynische, vor nichts Haltende schon in ihm schlummert, da er die Feder zum ersten Gedicht ansetzt. Sicher ist, daß die Traumbilder noch nichts davon ahnen lassen, daß erst die zunehmende Weltkenntnis seine Worte so blutig färbt. Durch einen Umstand noch wird seine Zweiheit verschärft: Es mangelt ihm an jeder Tradition. Nie ist vor ihm ein Jude auf den Plan der deutschen Literatur getreten, mit dem Ehrgeiz, unter die deutschen Dichter gereiht zu werden. Er versucht's zum ersten Mal, muß sich erst den Stil dafür selbständig schaffen und beginnt noch dazu zu einer Zeit, wo der Deutsche, wieder zum Stammesbewußtsein erwacht, heimlich ein einiges Vaterland ersehnt und wo die Nachkommen Chauvins, wie z. B. der Turnkunstmeister Massmann, die vaterländischsten Funken schlagen. Heine steht diesen Männern meilenfern, seine Art bleibt ihnen ganz unverständlich, selbst wenn er die Freiheit anbetet und gegen die Mucker wettert. Man liest seine Schriften, wie der Pfaff ins Variete geht, um sich von den drin hausenden Teufelinnen recht abschrecken zu lassen. Jeder lacht, angenehm gekitzelt, im stillen über den „geistreichen Heine", aber niemand würde im Ernst für ihn eintreten. Er steht in Wahrheit allein, wie nur je ein Auserwählter allein gestanden hat. Ist es da verwunderlich, wenn seine ganze Wut (und er hat davon großen Vorrat) sich gegen Börne kehrt, der sich vollkommen im Deutschtum auflöst, „ein großer Patriot, vielleicht der größte, der aus Germaniens stiefmütterlichem Busen das glühendste Leben und den bittersten Tod gesogen . .?" Ihm selber ist dieses Glück der Anpassung versagt. Kann man ihn richten, weil er sich mit unerhörtem Selbstbewußtsein panzert? (Man