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Der jüdische Student · 1911-03-01 · Heft 12 (März 1911) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
7 (1910-1911)
Issue
Heft 12 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
[Seite] (sequence 48)
Language
German
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356 Der jüdische Student. funden habe. Man denke nur an das Gedicht „Frieden" aus der „Nordsee". Heine liegt träumerisch am Steuer des Schiffes und hat, halb wachend, halb schlummernd, ein Gesicht: Er schaut Jesus, der die flammende Sonne als Herz in der Brust trägt, und fühlt von ihm auf alles Leben einen himmlischen Frieden ausstrahlen. Mit der höchsten Fülle von Stimmung wird dieser Friede dem Gedichte vom Dichter eingehaucht. Plötzlich aber zerreißt er das Bild wie ein störrisches Kind, und es folgt eine empörende Anrede an den Geliebtesten, den frommen Philister, der trotz seiner Stärke im Glauben nicht fähig sei, auch nur den Schatten eines solchen Gedichtes hervorzubringen . . . Und also hätten die Verächter dieses Dichters Recht mit der Behauptung, ein Dichter, der so seine Stimmung wechseln könne, habe eigentlich nie eine wirklich tiefe Stimmung gehabt, blase sein Inneres nur künstlich in Begeisterung? Wahr ist es: Man müßte schon ein Stockfisch sein, um sich nicht gegen die Vergewaltigung in dem genannten Gedicht aufzulehnen oder das berühmte „Doktor, sind Sie des Teufels?" ruhig hinzunehmen, mit dem die großartige Schilderung eines Seegespenstes jäh und trivial abgebrochen wird. Aber man müßte auch eine ebenso ärmliche Seelenkenntnis besitzen, wollte man hierin nichts erblicken als die Sucht nach irgendwie verblüffenden Mätzchen, die hämische Freude an einem glücklich erhaschten Boulevardwitz. Ein so billiger Sünder ist dieser Dichter denn doch nicht. Der tiefste Grund für seine Selbstauflösung liegt für mich in seiner Ehrlichkeit. Wenn er von der Jesuserscheinung plötzlich zu dem Geliebtesten hinabsteigt, dann kommt's mir vor, als schämte er sich seiner Begeisterung, der sein ganzes Herz doch niemals gehören kann, als müßte er zur Buße für seine hinaufeilende Phantasie sich selbst züchtigen. Er streicht, bitter lächelnd, mit krampfhafter Hast die Stimmung des Friedens aus und bittet sich höhnend um Verzeihung. Und wieder, wo er von heidnischen Göttern schwärmt, sieht sein Auge plötzlich das israelitische Hospital in Hamburg mit den kranken Juden darin, die an Armut, Körperschmerz und Judentum langsam dahinsiechen, und das Spiel Paganinis, das ihm eben einen griechischen Tempel vorgezaubert, wird schrill unterbrochen von der Stimme des Pelzmaklers, der zwei Taler Eintrittsgeld bezahlt und Watte in den Ohren hat. Wir vermögen nicht in frohem

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