Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Der jüdische Student. kümmerlich erleuchteten Stuben und seinen verbogenen Menschen doch zum Betrachten, und sogar zu recht scharfem Betrachten reizt. Nichts ist ihm hier unbekannt, weder die Schabbesfrau, die Sonnabends die Lichter putzt, noch die weiße Knoblauchbrühe mit den zarten Rettigscheibchen, die am Freitagabend Israel, den Hund mit hündischen Gedanken, wieder zum Menschen mit menschlichen Gefühlen wandelt. Er kennt die Herkunft Schlehmils ebenso genau wie die Bedeutung des Tausves—Jontof oder die Schriften Salomon ibn Gabirols. Wenn er mit einem, Reuter gleichwertigen, jüdischen Humor (hier durchaus nicht Witz!) seinen Hirsch Hyazinth schildert, dann streichelt er gleichsam den armen Schächer mit verstehender Hand und spürt wohl auch im Innern einen Teil dieses wehmütigen Gemisches von Ghettoluft und Drang nach Bildung, nach Europäertum. Oder er sitzt mit zu Gaste an dem Tische, auf dem Moses Lump, umgeben von seiner schiefen Frau und noch schieferen Tochter, mit der Hoheit und Sicherheit eines Königs den Schabbesleuchter angezündet hat. (Unwillkürlich erinnere ich mich des Ghettoliedes: „Freitag auf die Nacht ist jeder Jid a Melech!") Brauche ich noch den vielgenannten Rabbi von Bacharach ins Gedächtnis zu rufen, das düstere Märtyrerlied, den Beschwörer tausendjährigen Schmerzes? An diesem Punkte wird Heine meist in aller Stille, aber mit verhaltener Glut, zum Range eines Nationaljuden oder gar Zionisien emporgeadelt. Abgesehen davon, daß es dem einigermaßen Feinhörigen ein Lächeln abzwingt, wenn er diese modernen Erkennungsschilder einem Manne umgehängt sieht, der ahnungslos genug war, von ihnen nicht das geringste zu wissen, ist eine solche Parallele sachlich durchaus unrichtig. Zum Nationaljuden und besonders zum Zionisten gehört vor allem Bewußtsein, klares Erfassen des Zieles. Ein unbewußter Nationaljude scheint mir genau so ein Unding wie tein Bildhauer, dem die Gabe des Formens fehlt. Heine hat sich immer nur als deutschen Dichter betrachtet, sein Stolz ist, ein deutscher Dichter, im deutschen Lande bekannt zu sein. Er treibt nicht nationaljüdische, sondern einzig deutsche Politik und liebt sein deutsches Vaterland nicht weniger heiß als die jüdischen Dichter Spanien oder die Gewässer des Jordans, in die sich all seine Tränen ergießen.