Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Der jüdische Student. sieht dieser ein Mittel, einen Übergang. Nach unentdeckten Fernen langt der grübelnde Geist und wendet sich, im Tiefsten unbefriedigt, vom Greifbaren ab, das „um uns" verkehrend in ein geheimnisvolles „über uns". Als vollends die starrste Ausgestaltung dieser Lehre durch Jesus von Nazareth geschaffen wird, da ist die blühende Umwelt nur noch ein Heer von Lüsten, ein Sammelplatz für Teufel. Alle Hoffnung klammert sich ans Jenseits, „bei meinem Vater im Himmel". Die Urtriebe im Menschen, denen die Griechen sich frei und doch mit sicherem Maß überließen, das Sehnen nach dem Glück dieser Erde werden gewaltsam unterdrückt; Entsagen tritt an die Stelle von Freiheit, Rosenkränze und Kirchenglocken scheuchen den glühenden Dionysos in graue Vorzeit zurück. Das Mittelalter mit seiner Abkehr vom Leben ist eingezogen und hat die Mächtigsten unter seinem Rufe gebeugt. Nur manchmal noch tönt mit erstickter Stimme ein Klageruf durch die Wälder: Der große Pan ist tot. So ungefähr stellt sich für Heine dieser Unterschied dar. (Wer es in poetischer Vollkommenheit lesen will, schlage im zweiten Cyklus der „Nordsee" die Götter Griechenlands auf.) Es ist derselbe Kampf, der gerade die neueren und neusten Denker immer wieder zur Lösung gelockt hat. (ist eine Abschweifung gestattet? Schiller setzt das naive Zeitalter Homers in hellen Gegensatz zu dem eigenen „künstlichen Weltalteru, die Griechen sind ihm, „was wir waren und wieder werden sollen4'. Schopenhauer geht auf ihren Ursprung, die Inder, zurück und wertet diese ungleich höher als die semitischen Grübler. Zarathustra kommt zu den Menschen, um „dieser Erde Sinn zu geben", verdammt die Hinterweltler, ,,deren Leib an der Erde verzweifelte". Eine Gestalt Oskar Wildes träumt davon, daß das hellenische Ideal zurückkehren werde, wenn unser Körper nicht mehr von unsern unterdrückten Trieben vergiftet würde. Der Kaiser Julian kämpft mit fast wahnsinniger Wut gegen den blassen Galiläer; sein Dichter sieht die Tragikomödie der Welt, die ihn in all seinen Werken beschäftigt, in dem Widerspruch zwischen Wollen, d. h. Sehnen nach griechischer Ungebundenheit, und Können, d. h. jüdischen Moralgrenzen.) Überall ein gleich tiefer Streit zwischen weltabgekehrtem Judengeist und hellenischer Lebensfreude.