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Der jüdische Student · 1911-03-01 · Heft 12 (März 1911) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
7 (1910-1911)
Issue
Heft 12 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
[Seite] (sequence 36)
Language
German
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344 Der jüdische Student. uns auch in bösen Ghettotagen zu widerstandsfähigen Individuen erziehen. Aber nur fürs Ghetto, nicht für die Gesellschaft. Nicht zu einem ^Amy.ov Wov im Sinne unserer Zeit. Wir fluktuieren. Unsere Gesellschaftskreise entbehren jeglicher Gliederung. Wir sind ein Körper ohne Gerippe. Die Knochenlosigkeit ist unser Fluch. Der soziale Brei, den wir darstellen, wird noch durch das gesellschaftliche Empordrängen der niedrigsten in die höchsten Kreise vollkommen gemacht. Aber wo es keine Gliederung gibt, gibt es auch keine Eingliederung, und wo keine Ordnung ist, da lernt man auch nicht, sich unterzuordnen. Die Unbestimmbarkeit und Unbegrenzbarkeit unserer jüdischen Kreise ist somit der historische Grund dafür, daß dem Juden so sehr die gesellschaftliche Zucht abgeht: Er weiß nicht, wo die Grenzen sind, weiß nicht, wie weit er gehen darf. Da die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, ihm nicht den Takt angibt, fehlt ihm natürlich der Takt. Er stößt an, sobald er mit Kreisen in Berührung kommt, denen die gesellschaftliche Zucht eine Selbstverständlichkeit ist. Er wird politisch unbrauchbar. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, was ihn nicht bloß für eine äußere, sondern auch für eine innere jüdische Politik untauglich macht: Der Druck und die Entrechtung, die auf ihm lasten. Wir sind, wie Arthur Schnitzler in seinem Judenroman schrieb, wie Gefangene in Feindesland. Ich möchte noch weitergehen: Wir sind wie die Insassen eines Gefängnisses. Weiß man, wie es da zugeht? Dort sitzen Millionäre wegen Unterschlagung neben räuberischen Kloakenreinigern, Kommerzienräte wegen Sittlichkeitsvergehen neben Totschlägern aus der Hefe des Volkes. Und was tun sie, die das Elend dort zusammengebracht hat? Sie duzen sich, der Kloakenmann den Kommerzienrat, der Totschläger den Geldunterschlager. So geht es mit uns Juden. Wir sind wie die Gefangenen: wir duzen uns alle, auch wenn wir „Sie" sagen. Hinter jedem „Sie", das wir zu einander sprechen, hinter jeder „vorzüglichen Hochachtung", hinter jedem „Hochwohlgeboren" steckt ein grinsendes Du, steckt der wahrhaft empörende Rippenstoß einer Intimität, die jeden Respekt ausschließt. Wir müßten Masken tragen, wie die badischen Sträflinge, wenn sie zusammengebracht werden, damit wir Respekt vor einander bekommen. Schnitzler hat Recht, wenn er sagt, es könne Neid, Haß, ja, manchmal Bewunderung,

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