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Der jüdische Student · 1911-03-01 · Heft 12 (März 1911) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
7 (1910-1911)
Issue
Heft 12 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
[Seite] (sequence 35)
Language
German
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Der jüdische Student. 343 das Rechte zu tun und zu sagen : den Instinkt des Angemessenen, das soziale Augenmaß: den Takt. Das ist es, was uns fehlt Das fehlt uns im privaten und das fehlt uns im öffentlichen Leben. Warum? Es muß einen Grund haben. Wo liegt die historische Erklärung dieser Erscheinung? Man könnte versucht sein, in die fernsten Zeiten zurückzugehen und nichts anderes in ihr zu sehen als das alte Korachübel Israels. Aber man soll sich davor wohl hüten. Die Geschichte von Korach, der auf die Auserwählung des gesamten Israel pochend sich gegen Mose, den durch seine persönliche Autorität Auserwählten, empörte, kann nur den Wert einer Analogie für uns besitzen. Denn wenn wir behaupten wollten, daß der Gedanke der Auserwählung, der Aristokratisierung des ganzen Volkes schuld daran ist, daß es für den Juden im Judentum selbst keine Autorität gibt, daß der Schnorrer dem Rothschild gleich, also der Rothschild dem Schnorrer verpflichtet sei, und wenn man schließlich diese Erwägung noch mit der vielfachen Zerrissenheit und dem endlichen Untergang unseres Staatswesens stützen wollte, so käme man mit eiserner Notwendigkeit dazu, in all diesen Fehlern unauslöschliche Erbfehler zu sehen. Aber es sind keine Erbfehler, sondern nur Erziehungsfehler, und ihre historischen Gründe liegen viel näher herauf, sie sind teils aus dem letzten Jahrtausend, teils erst aus dem letzten Jahrhundert erklärbar. Dieser Erklärung wollen wir jetzt näher treten. II. Die stärksten Erzieher des Menschen neben dem Hause sind der moderne Staat und die moderne Gesellschaft. Der eine Zuchtmeister, der Staat, hat uns zweitausend Jahre lang gefehlt und fehlt uns noch heute zur Hälfte; der andere, die Gesellschaft, hat uns vernachlässigt. Während bei den anderen Völkern die sorgfältigste Schichtung der Gesellschaftskreise erfolgte und immer weiter erfolgt und das Beamtentum in der historischen Entwicklung das ganze Volk dazu erzog und erzieht, den kulturellen und individuellen Segen der Eingliederung des einzelnen in einen festen Organismus zu erkennen, sind wir Juden allezeit eine fluktuierende Masse gewesen und geblieben, Wohl hatten wir, unser talmudisches Gesetz als Erzieher, und das konnte

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