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Der jüdische Student · 1911-03-01 · Heft 12 (März 1911) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
7 (1910-1911)
Issue
Heft 12 (März 1911)
Date
1911-03-01
Page
[Seite] (sequence 34)
Language
German
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342 Der jüdische Student. kleinen Gemeinde, man sieht sie auf Bällen und Vortragsabenden, man trifft sie bei jeder Feierlichkeit und bei jeder Versammlung, selbst das Gotteshaus verschonen sie nicht. Sie erscheinen in tausend Formen, bald als Unbescheidenheit, bald als Rücksichtslosigkeit, bald als Ungeniertheit, bald als Taktlosigkeit und bald auch als Arroganz. Und sollte sie einer leugnen, so rufe ich den Leugner selbst zum Zeugen auf, daß er hundertmal über diese Unarten gelacht oder gelächelt hat, und zwar verständnisinnig. Und leugnet er sie weiter, so zwinge ich ihn, mit mir in das Reich der jüdischen Witze hinabzusteigen, die uns die Tragikomödie des Judentums nur zu oft mit einem so unbarmherzigen Realismus vorspielen, daß wir eher weinen als lachen möchten. Dies ist die Voraussetzung, aus der ich alle meine Schlüsse ziehe. Nur wer unbefangen genug ist, die Fehler seines Stammes zu erkennen und anzuerkennen, und ernst genug, sich mit ihnen nicht in der beliebten spöttischen Manier, sondern mit Gewissenhaftigkeit abzufinden, wird mir heute folgen können. Und wird zu seinem Tröste bald einsehen, daß all diese Fehler, nicht wie unsere Feinde behaupten, Erb- und Racefehler, sondern Erziehungsfehler sind, etwas, was Erziehung hervorgerufen und deshalb auch Erziehung beseitigen kann. Wenn es sich nun darum handelt, alles das, was wir jüdische Unarten nennen, auf eine Formel zu bringen, so kommen wir einigermaßen in Verlegenheit. Die Formen, in denen sie sich äußern, sind so verschiedenartig, daß man eigentlich nur einen gemeinsamen Namen für sie hat: Golus. Und damit ist praktisch wenig gesagt. Immerhin kann man behaupten, daß der große Teil all unserer Unarten auf einem Mangel an Selbstzucht beruht. Ich bitte, hier Selbstzucht im weitesten Sinne zu verstehen und in einer gewissen Verschmelzung mit dem Begriffe des Selbstbewußtseins. Selbstzucht ist in diesem Sinne sowohl eine individuelle als auch eine soziale Tugend. Wer Selbstzucht hat, kennt erstens die Grenzen seines Charakters und weiß seinen Charakter in diesen Grenzen zu halten, und zweitens kennt er die Grenzen zwischen sich und den anderen, hat er das untrügliche Gefühl für die Stellung der eigenen Person inmitten der Gesellschaft, hat er jenes undefinierbare Etwas, das uns fähig macht, an jedem Orte, zu jeder Stunde

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