Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 341 daß sie sich irren, mindestens, und es ihnen kaum verschweigen kann, daß er sie, gelinde gesagt, für Esel halte. Wir haben uns noch kaum davon erholt, als wir sehen, wie ein anderer junger Mann an die Berühmtheit herantritt, der er wohl gar nicht vorgestellt worden ist, und sie mit dem freundschaftlichen Kompliment attaquiert: „Ich habe Ihren neuen Roman auch gelesen. Ich kann Ihnen sagen: Großartig!!"-- So spinnt das Bild sich weiter, wir aber lassen den Vorhang fallen. Was war das nun? Was haben wir da gesehen? Sicher etwas Alltägliches, etwas, was jeder beobachten kann, der sich gern in eine Ecke stellt und beobachtet. Kleinigkeiten, wird man sagen, Unarten, Schwächen. Qewiß. Vielleicht aber hat jemand so eigentümliche Augen, daß er in solchen Kleinigkeiten Symptome erblickt. Der eine sieht ein rotes Fleckchen auf der Haut: vielleicht aber sieht ein anderer Scharlach. Vielleicht kommt sogar jemand auf den Gedanken, daß man auf den inneren Menschen viel besser aus solchen Kleinigkeiten schließen kann, als beispielsweise aus seiner politischen Stellungnahme. In der Tat, ich glaube, man erkennt den Menschen manchmal klarer aus seinen Gewohnheiten und Angewohnheiten als aus den Konfessionen seines Tagebuchs. Nicht seinen Geist, vielleicht auch nicht so sehr seinen Charakter; eines aber unzweifelhaft : seine Erziehung. Der treuste Spiegel einer Erziehung sind immer die Manieren. Und das ist es, was ich in dem kleinen Erlebnisse zeigen wollte: Man soll die Manieren belauschen und den Menschen sehen. Man sollte Unarten erleben und — die Gründe unserer politischen und kulturellen Ohnmacht. Bevor ich dem Leser aber diese scheinbare Extravaganz klarlege, muß ich eines von ihm als Vorbedingung verlangen. Er muß einsehen, daß diese Unarten jüdische Unarten sind. Denn mögen sie immerhin auch anderwärts vorkommen und deshalb manchem nur als die Ergebnisse einer schlechten Kinderstube erscheinen, so ist doch ihr Auftreten in den jüdischen Kreisen so allgemein, so weitverbreitet, daß wir ihnen das Prädikat „jüdisch" wenigstens in einem äußeren, rein lokalen Sinne beilegen müssen. Man kann sie überall erkennen, wo Juden zusammenkommen. Man findet sie in jeder großen und