Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Der jüdische Student. voll wie das Messer eines Arztes. Und es ist ein Optimist, der das Messer führt. I. Bitte, folgen Sie mir: Ich möchte Sie in eine Gesellschaft führen, eine Gesellschaft gebildeter Juden, wir wollen uns in eine Ecke postieren und die lieben Leutchen beobachten. Die verehrte Hausfrau hat soeben die Mahlzeit gesegnet, die Türen zum Salon wurden geöffnet. Einige ältere Herren setzen sich rauchend in eine Nische, um ein Gespräch über die letzte Theaterpremiere zu Ende zu führen, das man bei Tische begonnen hat. Die jüngeren Herren und Damen stehen in Gruppen von zweien und dreien herum, der Hausherr selbst bemüht sich um einen etwas abseits stehenden Herrn, der anscheinend das erste Mal in dieser Gesellschaft ist, und von dem man uns im Vorübergehen zuflüstert, daß es eine jüdische Berühmtheit wäre, jener vielgenannte Schriftsteller, dessen letzter Roman so großen Erfolg gehabt hat. Während wir unsere Blicke noch über den plaudernden Saal schweifen lassen, werden wir von der liebenswürdigen Wirtin unterbrochen, die eine junge Dame auffordert, am Klavier zu singen. Das Fräulein beginnt, ohne sich lange zu zieren. Sie singt nicht gut, aber auch nicht schlecht, kurz so, wie auf solchen Gesellschaften immer gesungen wird. Während sie nun da am Klaviere steht, bemerken wir etwas Sonderbares. Es kommt eine Bewegung unter die Herrschaften im Saal. Einige junge Leute, wohl Studenten, ziehen sich plötzlich in den offenen Nebenraum zurück, und zwar mit sehr verdächtigen Mienen. Man merkt es, sie machen sich über die dilettantische Sängerin lustig. Es folgen ihnen andere Damen und Herren, man hört unterdrücktes Gelächter. Die Herren in der Nische haben am Anfang des Liedes einige Sekunden zugehört, jetzt nehmen sie in gedämpftem Tone ihre Unterhaltung wieder auf und merken es kaum, als die Dame ihren Gesang geschlossen hat. Das Gespräch wird lauter. Da sehen wir, wie ein junger Mann von zwanzig Jahren an den eifrig in ihrer Nische disputierenden Herren vorübergeht, ein wenig zuhört und plötzlich mit beiden Beinen in das Gespräch hineinspringt: „Entschuldigen Sie, meine Meinung ist nämlich die . . .", worauf er seine Meinung entwickelt und den alten Herren haarscharf beweist,