Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 1 (27.4.1910)
- Date
- 1910-04-27
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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36 wenigen Jahren von Russland, manchmal auch von Galizien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und scnst weher, hierher genommen hat Diese Juden sind tüchtige Geschäftsleute und haben für jüdische Dinge wenig Sinn. So kommt es, dass sie sich alles gefallen lassen, ohne zu murren. Sie zahlen z. B. der jüdischen Gemeinde Steuern, ohne das Wahlrecht zu haben. Dadurch haben natürlich die wenigen deutschen Steuerzahler das Ruder in der Hand, undsie lenken das Ge-. meindeschiff auch mit Geschick in Geigerliberales, Fahrwasser. Die grosse Zahl der Leipziger Taufen (insbesondere aus den 90er- Jahren) ist ja bekannt. Kein Wunder also, dass hier absolut kein jüdisches Leben vorhanden ist, absolut nicht jüdisch gearbeitet wird, auch in der zionistischen Ortsgruppe fast garnicht. Es fehlen die Persönlichkeiten., die die Leitung übernehmen konnten, die an einem solchen. Platz, wg sich der „Pöbel" der ganzen Welt ansammelt, nicht gerade leicht ist. Wollen doch die vornehmen (!) „Deutschen'* jüdischen Unglaubens nichts mit den Ausländem" zu tun haben.' Hier zu arbeiten, ist schwerer als in irgend einer kleinen Gemeinde. Mit Russen können wir nun einmal in Vereinen nicht zusammen sein, es sei denn, dass wir uns ihren Formen und ihren Zielen unterwerfen. Solange wir aber noch immer mehr assimilatorische Kreise für unsere Zwecke gewinnen wollen, dürfen wir — als Einzelne — nicht der ostjüdischen Majorität gegenüber resignieren. Wir dürfen nicht nur nicht, wir können auch nicht. Die Erziehung (das Milieu), die Interessen des Ostjuden sind so ganz andere, dass wir mit ihm in der Einzelarbeit nur schwer zusammen gehen können. Auf eignen Wegen müssen .wir Zum gleichen letzten Ziele zusammenkommen, um dort in Einigkeit für die Zukunft (in der zionistischen Organisation) zu leben, — Leider zeigt es sich, dass auch zu dieser einzigen notwendigen Zusammenschweissung aller jüdischen Kräfte der unbedingte Wille nicht vorhanden ist. So konnte r.ich z. B. ein Verein zionistischer Studenten trotz einer ziemlichen Zahl von Zionisten (inner Deutschen und Russen) in Leipzig nicht halten. — Die Russen gründeten daher am Anfange dieses Semesters einen akademischen Verein für jüdische Kultur, der aus drei Sektionen, einer literarischen, einer politischen (nationaljüdischen) und einer historischen besteht. Jeder (gleichgültig, ob. Jude* Deutscher, Russe. Christ), der Interesse z. B. für jüdische Literatur hat, kann eintreten. Offizielle Vereinssprache ist der Jargon; h. dtr Versitzendemuss die Verhandlungen in jüdischer Sprache führen, während scn>: viel russisch gesprochen wird. Die Literatur ist ausschliesslich jüdisch. - - Die N:ti: naljuden, die in diesem Vereine sind, gehören den verschiedenen Richtungen vim „Bund" bis ZunfZv msmus an. Im übrigen hat 'euer seine eigne Richtung; viele -:;':^n an eine Autonomie der jüdischen Nation in Russland. Die r;:sMsche Jugend wird schwer für den Zionismus zurückzugewinnen sein.