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Der jüdische Student · 1910-04-27 · Heft 1 (27.4.1910) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
7 (1910-1911)
Issue
Heft 1 (27.4.1910)
Date
1910-04-27
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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23 bleibt für den Orthodoxen doch immer die Religion und ihre Herrschaft das Treibende, Wichtige und Höchste, das Ziel, nicht die Zukunft seines Volkes an sich. Und die Möglichkeit zum mindesten (man denke nur an die Mehrzahl der Westjuden) ist doch nicht zu leugnen, dass Yclksbewusstsein (in primitiver Form Stammesbewusstsein) und •Reiigionsbewussteein auseinanderfallen und Massnahmen erfordern," die in ganz verschiedenen Richtungen, liegen. Nur eine Konsequenz, aber eine sehr interessante und wichtige . aus dem oben dargelegten. Wesen des Orthcdoxismus ist seine Stellung zur Staatsidee im Laufe der Geschichte, d. h. zur Zeit des selbständigen Staates, und heute zum Zionismus. Dubnow meint in seiner „Judischen Geschichte" Kap. VI, dass. Esra und Nehemia von dem Gedanken durchdrungen waren, „die Religion und den Kultus in den Dienst der nationalen Einigung zu stellen," Wenn dem tatsächlich so war, so wäre das Verhältnis von Religion und Nation im Beginn vollkommen richtig gewesen. Nation — Herrin, Religion, Kult — Dienerin. Jedenfalls aber hat sich-das Verhältnis sehr bald gründlich geändert. Aus einem grandiosen Mittel zum Zweck wurde ein Selbstzweck. Das Gesetz" schwang sich aus seiner Zweckstellung (Zweck war die nationale Einigung) z\ir'herrschsüchtigen Selbstzweckstellung empor. Diese selbständige geistige Macht ist eben der Orthodoxismus. Seine Vertreter wurden im späteren jüdischen Staat die Pharisäer, die Verfechter des nationalen Prinzips.eine kleine Gruppe geistig hochstehender Leute, -denen auch ihre höhere soziale Stellung einen weiteren. Bück verschaffen mochte — die Sadduzäer. (Ebenso Graetz Bd. 3. S. 87 : die Pharisäer prüfen „jede nationaleTätigkeit an dem Massstabe des religiös Zulässigen!" Die Sadduzäer gaben, „ohne der Religion abtrünnig zu werden, dem nationalen Interesse das JUebergewicht." Ferner S. 92). Die Pharisäer, denen das Gesetz teurer war als der Staat, siegten; — der Staat verschwand. Zwar nicht die Slaatsidee überhaupt, aber dieser doch recht wichtige Niederschlag der Staatsidee, den man Staat nennt. Nun wurde erst recht der Religionskultus der Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Und blieb es bis heute im orthodoxen Judentum. Da entstand in der Gegenwart der Zionismus, dieser stellt die Nation als solche in den Vordergrund, sein Ziel ist der nationale Staat (oder wenigstens das Territorialvolk). Viele nicht orthodoxe Juden strömten dem Zionismus zu. Die Frage der Stellungnahme trat auch an die Orthodoxie heran. Konsequent hätte sie unisono erklären müssen: wir machen nicht mit. Denn in der Tat kann der Orthodoxisniiis keine Bewegung billigen, deren Leitmotiv nicht der religiöse, sondern der nationale Gedanke ist. Und der nationale Gedanke, der sich zwar der Religion und ihrem Ideengehalte gegenüber, neutral verhält, schliesst den Orthodoxismus, d. h. die Herrschaft der Religion und ihres Kultus, aus. —

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