Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 1 (27.4.1910)
- Date
- 1910-04-27
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der judische Student. 21 Also ist der Orthodoxismus für den Nationaljuden schlecht und zu bekämpfen. Die innere Struktur der beiden genannten Auffassungen vom Judentum ist leicht zu zeichnen: Für den Nationalisten ist das Höchste die Nation. Ihr macht er alles dienstbar. Die Nation, die Rasse . ist der Centraipunkt nicht nur seiner sozialen und politischen Ideen, sondern seiner ganzen Weltauffassung. Das Individuum hat alle Geschehnisse seines Daseins der Nation unterzuordnen. Die Nationen sind die Regimenter im Dienste der Airgemeinheitskultur und des Forlschritts, und sie heisst es formieren. So ist letztes Prinzip zwar die Menschheit, aber die eigne Nation gehört ja auch dazu, bildet einen Teil davon, und dass sie an der Spitze marschiere, ist Sache und Sorge des einzelnen Nationalisten. . Ganz anders der Orthodoxismus und zwar der jüdische Orthodoxismus. Denn, während es Nationalisten in jeder Nation gibt, ist unser Orthodoxismus etwas speziell Jüdisches (aber, weil schlecht, nicht zu erhalten!), das-in ähnlicher Einseitigkeit bei keiner Nation wiederkehrt. Es kann mir nicht einfallen, einen Angriff gegen die jüdische Religion als solche zu richten. Man könnte gegen sie nur sagen, was gegen jede theistische Religion zu sagen ist: dass sie ein ausser uns liegendes höchstes Prinzip, das uns seinen sittlichen Willen oktroyiert, behauptet; dass sie also die Autonomie der Sittlichkeit/' von der Hartmann spricht, nicht anerkennt; dass sie die freie aus dem eignen Empfinden des Einzelnen spriessende Sittlichkeit durch eine von aussen kommende aufgezwungene Moral ersetzt,^ die den Anspruch erhebt, von ewigkeitlicher Gültigkeit zu sein. - All das ist gegen Theismus überhaupt anzuwenden. Was aber in spezie den jüdischen Theismus (nicht im allgemeinen, sondern) in seiner orthodoxen Erscheinungsform so bekämpfenswert macht, ist der Umstand, dass er für seine Anhänger nicht e i n Prinzip unter vielen ist, sondern schlechthin das Prinzip. ' Für den Orthodoxen ist die Religion (in ihrer talmudisch-rabbinischen Form) in solchem Masse der Mittelpunkt alles Geschehens, dass es überhaupt kein „neben ihr" gibt, sondern nur ein „unter" oder „hinter ihr". Gewiss ist auch für den. Nationaljuden die jüdische Religion ein Moment, aber eben nur ein Moment. Er weiss die Religion als nationales Produkt zu schätzen, er respektiert sie als frühes- Erzeugnis des jüdischen Volksgeistes. Aber er. erinnert sich immer der Nation als Mutter dieser stolz und übermächtig und selbstsüchtig gewordenen Tochter.— Für den Orthodoxen dagegen hat sich das Verhältnis geradezu umgekehrt. Für ihn ist die Nation die Dienerin der Religion. Wenn er sagen wollte: Der jüdische Orthodoxismus ist nichts als eine andere Erscheinungsform des nationalen Gedankens, so wären das dialektische Künste, denn tatsächlich ist die orthodoxe Auffassung vom Judentum etwas durchaus Selbständiges vom rein nationalen Gedanken Losgelöstes, wie schon der darge-