Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 11-12 (24.3.1910)
- Date
- 1910-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. lernt, diese Blumensträitsse von Arroganz und Selbstgefälligkeit, von Urteilsanmassung und ßildungshochmut, vom Egoismus und Uribcscheidcnheit. Al)er selbst unter den Hochgebildeten ist es oft flicht anders. Nur dass man sich dort mit dem Fluterkram moderner Schlagworte bebehängt. Port lebt man im ...Jahrhundert des Kindes**- Dort huldigt.mau der sog. individuellen Erziehung. Denn jedes 13a hy im Steckkissen, jedes Bübchen und Töchterchon ist ja eine Individualität, die gepflegt und gehütu sein wi:l, jeder versesch reihende Sekundaner ist ein Genie, der Stolz der Familie. Eine Erkenntnis aber fohlt hier wie dort: Dass die einzige Erziehung, die nicht blas dem einzelnen, sondern auch dein Judentum als Ganzem heute «jvlrihev» kann, m nirhs amheem hr--i.eh.en <ktT als in dem, was die altdeutschen Sänger Zucht'' nannten. Ob einer ein guter Kaufmann oder ein tüchtiger Anwalt wärd, hängt wenig oder garnicht \ an der hänsliehen Erziehung ab, Man kann es weit bringen, auch wenn man kein Charakter ist. im Gegenteil: Charakter isr eine KugelkeUe am Fuss des Carrieremachers. Wer aber will, dass sein Seim es nicht bloss weit bringen, sondern nebenbei auch ein Arensch, ein ganzer Alaun werden soll, dler überall, auch in der Gesellschaft und in der Politik seinen Platz ausfüllt, und mir einen solchen k?n.n man einen Alarm nennen, der muss ihm mehr geben als Liebe und Wohlwollen, mehr als Nachsicht und Zärtlichkeit: Zucht! Zucht dem Kinde im Mause, Zucht dem Jüngling, der ins Leben tritt. Zuciu dem Kinde im Hause! Ein Vater muss seinom Kinde Autoritäten geben, nno-s ihm Grenzen und Hemmnisse setzen, muss es lehren, sieh um. r/imie:u.a, seine Empfindungen zw beherrschen, seinen \YiiJc\i zu lähmen. Die für unsere jüdischen Kinder wichtigste Stunde in der Schale ist die Turnstunde. Dort etwas zu leisten, muss eine der ersten Forderungen jüdischer Eltern an iltre Kinder sein. Dort lernt das Kind, seineu Körper in der Gewalt zu haben, lernt die Oekonomie des Leibes. Wer sich aber auf die Oekonomie des Leibes verstellt, der wird sich auch bald auf die Oekonomie der Seele verstehen. Die Disziplin des Turnsaals ist eine gute Vorschule für die Disziplin in der Gesellschaft. Wenn ich einen Sohn habe, der im Turnen Vorzügliches leistet, will idn ihm gern gestatten, einmal sitzen zu bleiben. Zucht aber auch dem Jünglinge noch, der ins Leben tritt, dem jungen Kaufmann, dem Studenten! Den sollen seine Eltern in die für ihn bestimmten Vereine schicken. Vor allem wieder 'in diejenigen Vereine, in denen es eine Disziplin gibt, in die Vereine mit straffer Organisation, die man füglich als Erzichuugsvereine bezeichnen kann. Das sind die Turn- und Studcntenvereir.e vor allem Dingen. Was nützen uns die literarischen Kränzchen und dramatischen Klubs, in denen es so wunderbar „zwanglos" zugeht, und deren ständiges Charakteristikum es ist, dass sie eingehen, wenn keine Damen auf-