Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 11-12 (24.3.1910)
- Date
- 1910-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537665-3537677--1438-3539538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'27b Der jüdische Student und -repräseutanzen nicht immer diejcni. "i sitzen, die die besten Jim'.;n sind und das grüsstc Interesse habci., sondern nur zu oft die, v eiche den besten Titel und den grössten Geldbeutel haben? Wie lassen sich solche Tatsachen anders erklären, als dass wir Juden nur der .\ot ^ehorchen-h nl^hr dem eigenen Triebe <h-m >\r;it>cb <::ncD Hätten wir alle Rechte im Staate, wir wären konservativ bis zur Intoleranz. W ir sind demokratisch, weil wir die Wildlinge der Gesellschaft sind. Unsere, die jüdische Gesellschaft, unsere, die jüdische Organisation, ist und kann uns kein Zuchtmeister sein. So bleibt uns nur ein Zuchtmeister übrig: Die Familie. III. Da ergibt sich denn von selbst die Frage: Was leistet heute die jüdische Familie in der Erziehung des Juden zur Selbstzucht? - Und nur eine Antwort: Nichts. Wer möchte die Hcdeuumg der Familie in unserem Volke leugnen? In einer Zeit, da eine Welt von Feinden uns zu verschlingen drohte, war sie der Anker, der unser Sehifilcin hielt. Sie ist heute kein Anker mehr. Wohl können wir uns noch heute der Zartheit der ramilienbande rühmen, aber unser erzener Fels ist sie nicht mehr. Au-ch bei uns kann das Lied von den Vätern und Söhnen gesungen werden. Aber nicht das ist* es, worauf es hier ankommt. Sondern das Schicksalsschwere liegt darin, dass das, was früher die Verzüge der jüdischen Familie waren, heute Nachteile geworden sind. Unsere Familie bedeutet ein Stück Ytittelakcr hineingefückr in den Teppich der modeinen Z.ir. Dämels ging und musste alle Erziehung nach innen gehen, du> jüdische Kind wurde für die Familie und in die Familie hinein erzogen. Eine solche Erziehung kannte nicht zärtlich genug sein, ^(.-it.lein aber <ii>.r uii;tt< »in.vjer'i ii;k-n. urd wir m ». allgemeine YVirtschaiis- und Geselkchaüslcbcn eintraten, hätte dem entsprechend die ijzicki-ng ik.^ Kindes mehr nach aus^ca gerichtet werden müssen, in die (lescüschan, in c'ca Sinai hinein. Da miiv-te es verhängnisvoll werden, wenn man bei der abeu Erziehung blieb. Das, was uns früher stark gemacht hat. die Zärtlichkeit im Mause, musste uns jetzt schwächen und fürs gesellschaftliche und politische Leben untauglich machen. Und das ist es, was ich heure an unserer Jugenderziehung auszusetzen habe. Auszusetzen habe, obgleich es geschichtlich zu begreifen und auch zu entschuldigen ist. Unsere Erziehung leidet an einer Vergötterung des Kindes. Bei den kleinen und mittleren Juden, die ununterbrochen aufwärts streben und sich den Bissen vom Munde sparen, um den einen Sohn studieren zu lassen, dem andern das Sprungbrett zum Reichtum zu geben, finden wir dies am stärksten ausgeprägt. Nur zu natürlich. Ihre Kinder sollen mehr werden als sie, sind also schon mehr als sie. Solche Ekern setzen gar oft in blinder Liebe ihren eigenen Willen hinter den Willen ihrer Kinder. Ich habe die Ergebnisse solcher Erziehung unter den jungen Studenten zu Dutzenden kennen ge-