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Der jüdische Student · 1910-03-24 · Heft 11-12 (24.3.1910) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
6 (1909-1910)
Issue
Heft 11-12 (24.3.1910)
Date
1910-03-24
Page
[Seite] (sequence 27)
Language
German
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Der jüdische Student Der eine sieht ein rotes Fleckchen auf der Haut.: vielleicht aber sieht ein anderer Scharlach. Vie lleicht kommt ^og;ir jenruv: rur den Gedanken, dass man auf den inneren Menschen viel' besser aus solchen Kleinigkeiten schliessen kann, als beispielsweise aus seiner politischen Stellungnahme. In der Tat, ich glaube, mm erkennt den .Menschen manchmal klarer aus seinen Gewohnheiten und Angewohnheiten als aus den Konfessionen seines Tagebuchs. Nicht seinen Geist, vielleicht auch nicht so sehr seinen Charakter; eines aber unzweifelhaft: seine Erziehung. Der treuste Spiegel einer Erziehung sind immer die Manieren. Und das ist es, was ich in dem kleinen Erlebnisse zeigen wollte: Man sollte die Manieren belauschen und den Menschen sehen. Man sollte Unarten erleben und -— die Gründe unserer politischen und kulturellen Ohnmacht. Bevor ich dem Leser aber diese scheinbar«. Extravaganz klarlege, muss ich eines von ihm als Vorbedingung verlangen. Er muss einschen, dass diese Unarten jüdische Unarten sind.' Denn mögen sie immerhin auch anderwärts vorkommen im dl deshalb manchem nur als die Ergebnisse einer schlechten Kinderstube erscheinen, so ist doch ihr Auftreten in den jüdischen Kreisen so allgemein, so weitverbreitet, dass wir ihnen das Prädikat „jüdisch" wenigstens in einem äusseren, rein lokalen Sinne beilegen nnüsseu. Man kann sie überall erkennen, wo Juden zusammenkommen. Man findet sie in jeder grossen und kleinen Gemeinde, man sieh: sie auf Hüllen und Vortragsabenden, man trifft sie bei jeder Feierlichkeit und bei jeder Versammlung, selbst das Gotteshaus verschonen sie -nicht. Sie erscheinen in tausend Formen, bald als UnhescK'idcuheit, bald als Rücksichtslosigkeit, bald als Ungcmertheii, bald als Taktlosigkeit und bald auch als Arroganz. Und sollte sie ei na? leugnen, so rufe ich den Leugner selbst zum Zeugen auf, dass er hundertmal über diese Unarten gelacht oder gv!ä:hek Im and zwa;: \ erständnisinnig. Und leugnet er sie weiter, sc zv inge ich ihn. mh i. ir in das Reich der jüdischen Witze hinabzusteigen, die uns die Tragikomödie des Judentums nur zu oft mit einem so unbannherzigen Realismus vorspielen, dass wir eher w einen als lachen möchten. Dies ist die Voraussetzung, aus de.r ich alle meke Schlüsse ziehe. Nur wer unbefangen genug ist, die Fehler seine:,-'Stammes zu erkennen und anzuerkennen, und ernst genug, sich mit ihnen nicht in der beliebten spöttischen Manier, sondern mit Gewissenhaftigkeit abzufinden, wird mir heute folgen können. Und wird zu seinem Tröste bald einsehen, dass all diese Fehler, nicht wie unsere Feinde behaupten, Erb- und Racefchier, sondern ErzieBiungsfehler sind, etwas, was Erziehung hervorgerufen und deshalb auch Erziehung beseitigen kann. Wenn es sich nun darum handelt, alles das, was wir jüdische Unarten nennen, auf eine Formel zu bringen, so kommen, wir einigermassen in Verlegenheit. Die Formen, in denen sie sä:h äussern, sind so verschiedenartig, dass man eigentlich nur einen gemeinsamen Na-

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