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Der jüdische Student · 1910-03-24 · Heft 11-12 (24.3.1910) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
6 (1909-1910)
Issue
Heft 11-12 (24.3.1910)
Date
1910-03-24
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
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Der indische Siudont. 271 schaftsprobFui und fragt: Wie stellt sich der Jude dazu? Man betrachtet die kulturelle Frage und forscht nach den Beziehungen zwischen F.oblcm und Person. Man behandelt das Individualitütsproblem also nur relativ, als eine Spiegelung de* anderen grossen Fragen. Die Gefahr einer solchen Behandlung ist nicht gering: Fs ist klar, dass man d. bei mehr *-on der Theorie al> der Praxis sprechen muss; die Methode ist deduktiv und die Reohumg stimmt zu leLht: man veilässt sich zu sehr auf Insliuiih.nci], und die W ahrheit muss die Kosten tragen. Man kann aber auch von einer anderen feite an das Problem herantreten, nämlich von der induktiven. Man muss es sogar, venu man das Recht wissenschaftlicher Forschung für sich in Anspruch nehmen will. Man kann die individuelle Judenfrage von einem scheinbar kleinen Standpunkt aus befrachten, sozusagen en miniature, indem mau von den meinethalben geringfügigsten Lebensäussenmgen des einzelnen ausgeht und Steinelten an Steinehen fügt, um schliesslich zu einem Gesamtbilde zu gelangen, Auch hier lauern Gefahren: Man kann sielt in Fmzelkciien verirren. Aber wenn man mit offenen Augen arbeitet, nie den grossen Blick verliert, nie über dem Finzelnen dus Ganze vergisst, so wird das Resultat auf sichererem Boden stehen, als wenn es von d. i Stelzen der Theorie getragen w ird. Diesen Weg möchte ich heute einsehlagen. Ich möchte gewissermassen den Mikrokosmus der individuellen Judenfrage behandeln. Ich will von Frzicbuug reden. Nicht von dem. was mau gemeinhin jüdische Frzeekm g nennt, nicht vom jüdischen Heim und nicht von der jüdischen Schule, nichi vom hebräischen Sprachunterricht und nicht van sysumaMsc! er i\:ligi::^üekre. Nici:-, dass diese Fragen luiwiclitig v. äo.;:. Im Gee-meil. Fs v. äre eine dankbare Aufgabe, einmal vom Judentum als F'zieker zu spre;heu, nasere alte ia_Tigiö>e Kultur .sozusagen auf das spezifische Gewicht ihres pädagogischen Gehaltes zu prüfen. Aber dieser Versuch ist schon öfter gemacht worden. Was aber noch nie beachtet, jedenfalls noch nie ausgesprochen wurde, ist die unbestreitbare Tatsache, dass ein grosser Teil unserer Jndenmisere seine letzten Gründe nicht darin hat, dass so viele Juden keine Juden mehr sind, sondern darin, dass so viele Juden, und nicht von den schlechtesten, keine Menschen-sind, jedenfalls derjenigen menschlichen FigenschaUeu embehren, die eine Gemeinschaft wie die unsere haben muss, um sich in der Gegenwart zu behaupten, in der Zukunft sich durchsetzen zu können. Und davon will ich reden: Von unserem menschlichen Manko. Und will mich nur von vornherein gegen eins verwahren: Dass man mich nicht für einen Antisemiten halte. Denn mein Vortrag bedeutet Kritik, und die Kritik wird scharf sein, ebenso scharf, aber auch ebenso liebevoll wie das Messer eines Arztes. Und es ist ein Optimist, der das Messer führt.

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