Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1910-03-24 · Heft 11-12 (24.3.1910) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
6 (1909-1910)
Issue
Heft 11-12 (24.3.1910)
Date
1910-03-24
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537665-3537677--1430-3539530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

268 Der jüdische Student. sterien", „Regierungen", wie Du sie nennst, konnten wir dutzendweise zusammenstellen. Wir wollten kein Ministerium, sondern einen Präsidenten. Und wir erkannten auf dem Kongress, was wir schon vorher Umschau haltend leider sehen mussten: In der modernen zionistischen Bewegung gibt es wohl viele tüchtige und befähigte Männer, aber nur einen Präsidenten und das ist Woiffsohn. Sich, lieber Freund, alles w as Du schreibst, ist schief oder falsch, weil Du über die Vorgänge auf dem Kongress, besonders aber vor dem Kongress, nicht richtig orientiert bist. Du lobst die disziplinierten, wohlinformierten Russen, weil sie mit einem bestimmten Programm und einer Kandidatenliste auf den Kongress gekommen wären; Du tadelst die Deutschen, die nur einen Präsidenten, aber kein Ministerium vorzuschlagen im Stande gewesen wären, und die durch ihr Verhalten welch querköpfige Uebertreibung ..—- den Xongress gesprengt hätten. Das einzige Positive am Programm der Russen war negativ: Woiffsohn absägen auf jeden Fall. Her Umzug nach Berlin war der Verwand. Weil sie keinen Präsidenten finden konnten, wollten sie ein „Direktorium**, und sogar dessen Liste änderten sie täglich zu Schacharis, Minchoh und Maariw. Die Deutschen hatten vor dem Kongress angenommen, dass es sich um den Kampf gegen Woiffsohn erst in zweiter Reihe handeln würde; sie konnten das auch nicht anders vermuten. Agrarbankfrage, Aenderung des Baseler Programms standen für sie im Vordergrund des Interesses. Erst in den letzten zwei Wochen erfuhren wir Berliner, wie der Wind ging, die übrigen Deutschen erst in Hamburg; nur so konnte es geschehen, dass in Abwesenheit eines grossen Teils gerade der Berliner - Simon-Mannheim (der Russophile) in den Permanenzausschuss gewählt wurde - -< in Erinnerung an seine früheren Verdienste. W ir, die Berliner, waren nach Hainburg gegangen, auch um an Wolffsohns Tätigkeit ernste Kritik zu üben, allerdings anderer Art wie die Pasmaniks. Aber als wir hörten und sahen, was geplant war und was für den politischen Zionismus auf dem Spiele stand, da wussten wir, dass jetzt die Kritik schweigen und wir für Woiffsohn einzutreten haben, nicht seiner Person wegen, sondern um der Sache willen. Aber s c h o n am zweiten Tage nach seiner grossen Rede (Du sprichst merkwürdiger Weise immer von ,,erst") ergriff uns ein Gefühl aufrichtiger Bewunderung, ja Begeisterung für den Mann, als w ir sahen, welch wuchtige Kraft in ihm steckt, dass er daher im Stande w ar, der alles untergrabenden wühlenden Miniertätigkeit gewisser Parteigrüssen, die auch unserem Herzl das Leben verbittert hatten, die Stirn zu bieten. Wir bekamen Vertrauen zu ihm, weil wir erkannten, dass er die alten Ideale unseres Zionismus im S :hw anken der Alltagspolitik noch nicht gegen bequemere eingetauscht hatte, dass er einer von den alten Zionisten noch ist, die unsere Bewegung in die Höhe gebracht haben. Ja, jetzt zum ersten Male begannen wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.