Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 4 (26.7.1909)
- Date
- 1909-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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80 Der jüdische Student. „Ganz so glatt wie in Leipzig ist's zwar nicht gegangen. Gelegentlich war ein bischen „Antisemitismus" sicherlich am Platze. Und bezeichnend ist, dass gerade unsere jüdischen Kommilitonen gelegentlichen Unlustgefühlen am meisten Ausdruck gegeben haben. Im grossen und ganzen aber gings wie in Leipzig: Die besten unserer jüdischen Kommilitonen schlössen sich der Bewegung an und leisteten ihr unvergessliche Dienste. Wir nennen sie mit Stolz unsere Führer. Zudringliche Elemente hingegen wurden t wenn auch manchmal unter Kämpfen) ausgemerzt — mochten sie Juden oder nArier" sein". Diese Sätze sind charakteristisch für die ^Toleranz*, mit der die Freistudenten den jüdischen Kommilitonen entgegenkommen, wenn sie auch in gewissem Gegensatz zu anderen freistudentischen Parteischriften *) stehen. Schon in Leipzig schien der Freien Studentenschaft, eine Gefähr in dem zahlreichen Anschluss jüdischer Kommilitonen zu liegen: „das Studententuni war damals im Ganzen i!} noch stark antisemitisch". Hinwegsehen über alle konfessionellen Gegensätze ist zwar - gerade che Grundlage für die Existenz der Freien Studentenschaft. Aber dieses Prinzip hinderte nicht, dass den unabhängigen, sich den Inkorporierten gleichfuhlenden christlichen Finken davor bangte, durch die Teilnahme zu vieler jüdischer Studenten an den freistudentischen Veranstaltungen sich deTi Unwillen der „damals im Ganzen noch stark antisemitischen" Studentenschaft zuzuz'ehen. Glücklicherweise besassen aber die jüdischen Kommilitonen, welche sich der Pinkenschaft anschlössen, „ausserordentlich viel Takt" und „liesseil sich von so hohem Idealismus leitenu, — dass die Herren christlichen Freistudenten in echt christlicher Nächstenliebe sie >lieb gewannen*, dass heis-^t also, die Juden haben sich mit Vernunft und — Geschick zu assimilieren gesucht, und die Christen beschenkten sie darür mit ihrer Liebe und Freundschaft. Uns dürfte das eine ein Trost sein, dass die Zahl dieser Juden nicht so gross war, wie jene ursprünglich gefürchtet hatten. — Aber trotz* dieser Freundschaft zwischen Juden und Christen kam es zu Debatten über die Judenfrage, wenn auch nur zu „gelegentlichenu und wenn auch — wie selbstverständlich bei den „toleranten" Finken — eine „eigentliche Judcnfra^e" niemals bestand. So waren in Leipzig die Verhältnisse so günstig, wie nur denkbar, und die Juden benahmen sich dort so wenig auffällig wie nur möglich — — trotzdem galt es den andern als ausgemacht, dass in Herlin sicher nur Schacherer und Itzigs unter ihnen sein würden. — Das war der Erfolg des „Taktes" der edlen „Idealisten" in Leipzig, dass man diese Erscheinung für *) Vgl. Behrens, der freistudentische Tdeenkreis. — Es wäre sehr wünachenswert,\venn über die studentischen Literaturerscheinungen an dieser Stelle nicht nur gelegentliche Notizen in den Monatsübersichten, sondern auch ausführliche Besprechungen geboten würden.