Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1909-06-17 · Heft 3 (17.6.1909) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
6 (1909-1910)
Issue
Heft 3 (17.6.1909)
Date
1909-06-17
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537665-3537669--1214-3539306
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der jüdische Student, zwischen Ost- und Westjuden."*) Den Westjuden fehlt die Masse und die Eigenkultur, den Ostjuden die moderne weltgewandte Leitung, wenn beide zusammen wirken, wird beiden geholfen sein. Darin liegt gerade die Genialität des Gedankens, dass er. wie alle grossen Ideen so ungeheuer einfach ist, dass man sich immer fragt: ja, warum habe ich denn das nicht schon längst erkannt? Leiter und eine Masse als Menschensubstrat der Bewegung sind demnach gegeben. Was soll das aber für eine Bewegung sein? Sie muss eben derart sein, dass sie die Mängel, die bestehen, aufhebt. Den Westjuden die Möglichkeit einer freien Tätigkeit gibt und den Ostiuden die Erlösung von dem mehr physischen Druck, der auf ihnen lastet, beiden aber ein Ideal verschafft, an das sie sich klammern können. Nicht ein Wohltätigkeitsakt soll es werden, das wäre verfehlt. Dauernde Wohltätigkeit für eine solche Masse ist unmöglich, daher haftet ihr, soweit sie in Tätigkeit tritt, immer eine gewisse Beschränktheit an, materiell und auch geistig, da sie die Sachlage verkennt. Moralisch aber ist nichts erniedrigender; und schliesslich ist der Gedanke, sich selbst Almosen zu geben, zum mindesten neu. Auf fremde Hilfe zu bauen, ist unsicher und ebenso wie Wohltätätigkeit erniedrigend. Auf den Messias zu warten, bietet zwar den Gläubigen einen Trost im Elend, aber praktische Hilfe bringt dieser Trost nicht. Aktives Handeln tut not, schade um die Zeit, die schon nutzlos verstrich. Aktives Handeln, ist denn ein solches möglich? Es gibt viele» die auch mit der theoretischen Seite einverstanden sind, die diese Frage verneinen. Die Juden sollen ein eigenes Land besitzen, einen eigenen Staat in Palästina nach eigenen Gesetzen? Denn das ist doch die Lösung, die sich aus dem Vorstehenden ergibt. Das ist zu ideal, das ist eine Utopie. Die Schaffung eines Staates in Palästina ist ja nur das Mittel zum Zweck. Das Ziel ist Befreiung-von der Judennot durch nationale Arbeit. Mit diesem Ziel sind viel mehr Juden einverstanden als mit dem Mittel. Der Grund dafür ist in den meisten "Fällen Pessimismus. ,,Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube/4 Gleichwohl, warum fehlt so vielen der Mut. sich wenigstens an einem Versuch zur Herbeiführung der einzigen praktischen Lösung der Judenfrage zu beteiligen? Furcht vor Lächerlichkeit? Warten wir ab. ob nicht noch die Idee die Furcht vor sich lächerlich macht. Für die Zahnmediziner. In dem Berliner Vereinsbericht der letzten Nummer, der von Bbr. Leopold Schutz unterzeichnet ist, las ich mit Befremden fol- *) Vgl. Dr. Emil Cohn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.