Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 3 (17.6.1909)
- Date
- 1909-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. Salons sich in seichten Redensarten gefällt, der srch, wer weiss wie, geehrt fühlt, wenn ihm ein Arier seiner l'ekaiMtschaft die Rhre erweist, ihm einen Gefallen tun zu dürfen. Halbheit nach innen, Halbheit nach aussen. Zwar ist dem Juden vom Gesetz in der Wahl seines Berufes keine Schranke gesetzt. Aber in Wirklchkeit kann doch der moderne junge Jude sich nicht den Beruf nach eigenein Willen wählen. Diese Tatsache birgt eine grosse Gefahr m sich. Denn nur auf freie Tätigkeit läuft jede Ein Wickelung zurück. Diese freie Tätigkeit unterscheidet sich dadurch von der unfreien« dass hier nicht die Schöpfung, das Produkt, den Schöpfer fesselt Das sagt auch Th. Zloci^ti in seiner Vorrede zu Hess, — jüd. Schriften. Die Tätigkeit soll eben ein Selbstzweck sein und dadurch höchster Genuss, während bei der unfreien Tätigkeit Genuss und Arbeit Gegensätze sind. Daher, wie Ernil Cohn sagt, der jüdische Arzt mit den schriftstellerischen Ambitionen, der Rechtsanwalt, der Kunstgespräche führt, usw., alles modern jüdische Typen. Durch diesen Gegensatz entstehen bei dem Individuum innere nutzlose Kämpfe, Kraft und Zeit vergeudend. Der schwere Kampf zwischen Pflichterfüllung und -Genuss wird selten zur Befriedigung enden, raubt also dem Individuum auch den inneren Halt. Dadurch aber, dass das Individuum unterdrückt wird, kann es nie zu einer harmonischen Ausbildung kommen, die für die Erziehung einer geschlossenen Persönlichkeit Vorbedingung ist. Das Schlimme dabei isaber ausserdem, dass in den meisten Fällen die daraus entstehende Halbheit von den einzelnen Individuien gar nicht gemerkt wird. Ein innerliches Gefühl ist vielleicht nocHi vorhanden, dass die Aufgabe der Eigcnkultur doch nicht ganz aufgewogen ist durch das Erreichte. Aber gerade dieses Gefühl führt dazu, das Erreichte um so höher anzuschlagen. Je mehr wir für et«;-as geben, einen um so grösseren Wert legen wir dem Gegenstande bei. Nun kommt noch etwas hinzu, w as eine» Lösung äusserst erschwert: dass doch für e i n Vclk, die Juden, auch eine Gesamtlösung möglich sein muss, da wenn auch in verschiedenem Ausdruck —- die Jndennot und somit die Judenfrage für alle Juden die gleiche ist. Es siard aber die russischen Juden auf einer ganz anderen Kulturstufe, sie haben die Emanzipation noch nicht durchgemacht, leben in ihrer starken Eigenkultur und fühlen sich innerlich meist sehr befriedigt, sie simid innerlich kraftvolle Persönlichkeiten. Dadurch treten sie aber in Gegensatz zu den Assimilationsjuden, die ihrerseits wieder vor jenen, den nicht Emanzipierten, auch einige Vorteile haben. Diese besitzen leichtere Beweglichkeit und Fähigkeit, ein Unternehmen nach aussen hin-zu vertreten. Sie blicken mit Geringschätzung auf die Juden herab, die das Risiko des Tausches —• Eigenkultur gegen Emanzipation — noch nicht gewagt haben, diese aber fühlen sich, noch gestärkt durch das Bewusstsein, eine grosse Masse hinter sich zu haben, Jen Emanzipierten gegenüber in keiner Weise im Nachteil. Und darin besteht eben das grosse Problem des modernen Judentums: „ehne Brücke zu schlagen