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Der jüdische Student · 1909-06-17 · Heft 3 (17.6.1909) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
6 (1909-1910)
Issue
Heft 3 (17.6.1909)
Date
1909-06-17
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Der jüdische Student. 55 sind wir mir durch das Band der Religion vereinet. Im wesentlichen ist aber auch heute das Christentum mit densdien Grundgedanken versehen, wie das Judentum. Es hat sogar höheai* Ideale, allgemeine Menschenliebe, und hat nicht den Satz des alten Testaments: ..Aug* um Auge, Zahn um Zahn/' Warum soll ich uTso eigentlich Jude .bleiben? Und überhaupt ist doch die Neuzeit schon ganz anders als früher. Die gewaltigen Errungenschaften dir Technik kommen allen Völkern zu gute. Die Entfernungen sind ilircri die modernen Verkehrsmittel bedeutend verringert, und so müssen auch notwendigerweise die einzelnen Staaten einander nahekommen. Die Wissenschaft ist heute international, Verkehr und Welthandel ebenfalls, die Menschheit schreitet auch immer mehr fort und so werden allmählich die Grenzen zwischen den einzelnen Völkern fallen. Man wird nicht mehr auf den einzelnen Mann aus iem einzelnen Volk schauen, sondern auf den Menschen als solchen. Daher fördert auch der Kosmopolitisniiis die Ausbildung des Individuellen: denn je grösser der Kreis ist, ein um so grösseres Arbeitsfeld hat man ja. Nun wird aber der Kosmopolitismus erst herrschen, wenn der Nationalismus und jede Eigenart überhaupt geschwinden ist. Wozu soll man alsc das Gegenteil von dem tun, was rldlatig ist, wozu'einer1 Standpunkt einnehmen, den man ja doch wieder timstossen muss. damit das Ideal skh verwirklicht? Kcnsequentmveise müssen wir also möglichst rasch unsre jüdischen Eigenarten abstreifen, und dieses geschieht am besten durch Taufe und Misdehe. Wenn es im Laufe der Zeit keine Juden mehr geben wird, gilt es auch keine Judenfrage mehr. Es ist zwar schwer, mir als erster einen solchen Schritt, der einem doch sicher übel gedeutet wind, zu tun, aber um seiner Nachkommen' willen muss man auch emnal Märtyrer sein können. Dieser Lösungsmethode, der Assimilation, 'surd vor allem der Vorwurf gemacht, sie hacke eines schlechten Zahnes wegen dem Patienten den Kopf ab, ferner aber, ihre Voraussetzungen träfen nicht zu, der Jude habe nicht den Willen, seine Eigenart aufzugeben. Welche, seine nationale? Ja gibt es denn heute noch ein jüdisches Volk? . Zur Beantwortung dieser Frage ist es nötig* die Begriffe Volk nnd Nation genau zu präzisieren, weil sie im Sprichgebrauch in vielfach verschiedener Bedeutung angewandt werdes. Das genus proximum ist Gesamtheit von Menschen. Aber die differentiae speeificae? Die Kriterien — die Abstimmung, die Staatsangehörigkeit, die Volkssitten und Sittlichkeit, die Merkmale der Anatomie und Physiologie und selbst die Spracte — versagen alle, wenn es gilt, eine präzise Formulierung für die genannten Begriffe zu schaffen. Aber auch die Summe aller dieser Kriterien ergibt nur ein sicherlich ganz treffendes Bild eines Volkes, keine logische diffe-

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