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Der jüdische Student · 1909-06-17 · Heft 3 (17.6.1909) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
6 (1909-1910)
Issue
Heft 3 (17.6.1909)
Date
1909-06-17
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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54 Der judische Student. einmal das grössere Publikum gar nicht Zeit und Interesse linden kann, ein 308 Seiten starkes Buch zu lesen. (Die ersten Seiten werden vielleicht beachtet, dann sieht man nach, ob einem ein Name bekannt ist, und liest den Artikel). Ueberschätzt auch insofern, als sich das Publikum leicht durch geschickt gesetzte Worte und einen bekannten Namen in seiner Meinung beeinflussen lässt; überschätzt endlich deshalb, weil die Judenfrage nicht mit Worten zu lösen ist und daher das Buch einen praktischen Wert nicht unmittelbar wenigstens besitzt. Aber das will es auch nicht. Die Absicht ist die, wieder einmal die Judenfrage einer Diskussion zu überliefern. Auch von zionistischer Seite wird ja dasselbe immer wieder erstrebt, meist mit dem Erfolg, dass die Debattenredner der verschiedenen Parteien im Vollgefühl, auch ihre Meinung zum Ausdruck gebracht zu haben, nach Hause gehen. Heute wird die Tatsache, dass es eine Judenfrage gibt, wohl nicht mehr bestritten. Man behandelt die Judenfrage auch ernsthaft, der Not gehorchend. Und wenn im?Hgem?inen das Wort gilt, soviel Köpfe, soviel Sinne, so ist dies bei den Juden erst recht der Fall, ein Zeichen des bekannten kritischen Geistes. Doch mit den verschiedenen Ansichten ist noch nichts ge^an. wo doch gehandelt werden muss. Andrerseits liegt die Schwierigkeit der Judenfrage in ihrer Vielseitigkeit. Aus ihr erklärt sich zum grossen Teil die Mannigfaltigkeit der Lösungsversuche. Die einen gehen konsequent auf dem Wege, den die Emanzipation schuf, weiter. Sie sagen: Wenn wir Juden wirklich zu einer bürgerlichen Gleichstellung kommen wollen, dann müssen wir zunächst alles beseitigen, was uns dnbei hinderlich ist o^er sein l'ann. Wir dürfen den andern Bürgern keinen Grund für ihren Antisemitismus geben, dann wird er schon aufhören. Wenn wir uns am Stoatsleben beteiligen wollen, so müssen wir natürlich alles Jüdisch-Nationale abstreifen; denn es ist doch z. B. undenkbar, ein guter Deutscher zu sein, wenn man noch seine jüdische Nationalitat betont, genau so. wie die Polen nur deswegen keine guten Deutschen sind, weil sie ihre Nationalität betonen. Aber andrerseits müssen wir auch das Jüdisch- Religiöse ein wenig umformen; denn wenn wir eigensinnig auf der Bewahrung unsrer alten Formen bestehen, ist doch den andern Grund gegeben, uns Undankbarkeit vorzuwerfen. Wir erlangen und verlangen so viel und sollten dafür gar nichts aufgeben? Und wirklich sind doch ein grosser Teil unsrer Kultformen veraltet. Ja, wenn man es genau überlegt, ist es doch eigentlich undenkbar, dass eine so kleine Menge Juden sich zwischen so und so vielen andren Menschen in ihrer Eigenart halten könnte. Und ist es denn überhaupt für uns noch etwas wert, das Judentum zu erhalten? Früher, als die Juden noch einen Staat bildeten, waren wir ein Volk. Jetzt sind wir es natürlich nicht mehr, da wir ja keinen Staat, kein Heer, keine gemeinsame Lebenssprache haben, und nationale Eigenart ist ohne diese Faktoren auf die Dauer gar nicht mehr zu bewahren. Jetzt

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