Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 10 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 213 borenes — oder auch anerzogenes — Bedürfnis ist, in einer rein jüdischen Welt zu leben. Wie weit ist nun der geschilderte Vorgang der Assimilation bei uns gediehen? Wohin führt er? Wird es zu einer völligen Auflösung der deutschen Judenheit, zu ihrem Untergang kommen? Die Voraussetzung dazu wäre eine durchgängige Blutmischung zwischen Juden und Christen. „Es kann nun zugegeben werden.:, dass es einigen Juden gelungen ist, durch Taufe und Mischehe unterzutauchen. Vereinzelt und unbemerkt ausgeführt, können diese Massregeln zur Flucht aus dem Judentume verhelfen; für eine grössere Menge ist es kein Ausweg mehr. Ich will zunächst garnicht von den russischen, rumänischen und den übrigen grossen Judenmassen sprechen, - was würde entstehen, wenn nur die 61)0 000 Juden Deutschlands zu den genannten Mitteln griffen? Die Versuche würden vom deutschen Volke mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Zur Assimilation gehören immer zwei: einer, der sich anpasst und einer, der aufnimmt, und auf den guten Willen des letzteren kommt es wohl noch mehr als auf den des ersteren an. Das Verhalten der Regierung gegen Namensänderungen, das Auftreten der Synoden gegen Judentaufen, die Behandlung der getauften Rechtsanwälte und Notare durch das Justizministerium geben einen leisen Vorgeschmack von dem, was uns eine Epoche der Massentaufen bringen würde. Aber kann denn die Aufsaugung eitler halben Million durch eine Nation von 60 Millionen so grosse Schwierigkeiten machen? Das Rechenexempel würde stimmen, wenn die Juden geographisch und wirtschaftlich gleichmässig verteilt wären. Bekanntlich liegt es nicht so: sie sammeln sich in wenigen Plätzen und in wenigen Berufen an. So müssten z. B. 100 000 Juden von *der Berliner Bevölkerung verdaut werden und nicht etwa von den ganzen 2 Millionen, sondern von jener relativ kleinen Schicht des wohlhabenderen Mittelstandes, in dessen Berufen sie zum Teil die Majorität haben. Und schliesslich wäre mit einem Untergang der deutschen Israeliten die Judenfrage absolut nicht gelöst. Der Schwerpunkt liegt in den Massen Russlands, Rumäniens, daliziens und der neuen Riesengetthi von London und New-York. Und hier braucht die Unmöglichkeit der Assimilation nicht erst bewiesen zu werden. Der Hass und die Verachtung der Mischvölker, die gänzliche Verschiedenheit aller sozialen,, kulturellen und anthropologischen Verhältnisse lässt den Gedanken an eine Verschmelzung für absehbare Zeit als aussichtslos erscheinen/1 (cf. Jüd. St. I. Jahrgang, S. 76.) Wir finden so die deutschen Juden in einer eigentümlichen Zwitterstellung. Auf der einen Seite ist eine hochgradige Assimilation eingetreten, andererseits kann es zu der Konsequenz derselben, zur völligen Vermischung, nicht kommen, Ja, diese wird auch vonseiten unserer Stammesgenossen im Aligemeinen nicht gewünscht. So selten auch ein tiefer gehendes jüdisches Nationalbewusstsein