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Der jüdische Student · 1909-01-22 · Heft 10 (22.1.1909) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
5 (1908-1909)
Issue
Heft 10 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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212 Der jüdische Student. ermöglichten, seine nationale Existenz weiterzuführen. Wenn auch viele Aeusserungen eines gesunden, unbehinderten nationalen Lebens fortfallen, wenn es auch manchmal jahrhundertelang mehr ein lethargisches Vegetieren ist, - - der Stamm hat sich erhalten und zeigt da, wo die Mauern des Gettho durch den Sturmwind der neuen Zeit gestürzt werden, eine erstaunliche Kraft der Regeneration. Ist nun dieses zähe Festhalten an der eigenen Art eine unverlierbare Eigenschaft der Juden, sind sie der Assimilation gänzlich unzugänglich? Schon für die früheren Zeiten kann man das nicht behaupten. Von dem ursprünglichen Zehnstämmereich" ist ja der grösste Teil überhaupt verschwunden, und von den in das Exil geführten Kindern Israels zog unter Esra und Nehemia nur ein kleiner Bruchteil zurück. Auch die Periode des Hellenismus und manche anderen Epochen wären da zu nennen. Für die westeuropäischen Juden der heutigen Zeit beantwortet sich die Frage von selbst. Hier ist eine Assimilation in grossem Massstabe eingetreten. Man kann sich den Gegensatz der deutschen Juden unter Friedrich IL und den heutigen kaum gross genug vorstellen. In Sprache, Kleidung, im 'Essen, in der ganzen äusseren Lebensführung haben sie sich ihrer Umgebung angepasst; aus den gedrückten und durch die Verfolgung furchtsam gemachten Getthojuden sind Staatsbürger geworden, die energisch für die Vervollständigung ihrer Rechte eintreten. Früher gänzlich ausserhalb der deutschen Kultur stehend, in die einzudringen als Todsünde galt, beziehen sie heute nicht nur ihre formelle Bildung, sondern auch ihre sittlichen, philosophischen und künstlerischen Anschauungen aus ihr. Und vor allem haben sie sich auch in religiöser Beziehung dem Glauben der Väter stark entfremder, Wir wollen garnieht von dem zunehmenden religiösen Indifferentismus der modernen Juden, von der durchgängigen Nichtbeachtung des Sabbaths und anderer Vorschriften sprechen, - selbst den heutigen „orthodoxen" Rabbiner trennen Welten von dem Talmudgelehrten früherer Jahrhunderte. Es wäre töricht, diese Assimilation zu leugnen oder sie zu beklagen. Von jedem Standpunkt aus muss man sie nicht nur als historisch notwendig, sondern auch als förderlich, ja in mancher Hinsicht als errettend betrachten. Ein Blick in die galizischen und russischen Getthi lehrt uns, was wir der Anteilnahme an der modernen Kultur verdanken: nicht so sehr an äusseren Fortschritten, sondern an tiefinneren persönlichen Werten. Und da gibt es wohl kein Zurück mehr. Es ist ausgeschlossen, dass die Allgemeinheit der deutschen Juden das mühsam Errungene, mit dem ihre ganze Existenz auf das Innigste verwebt ist, je aufgäbe. Nur eine völlige Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse kann zu der Ansicht führen, dass eine Renaissance der jüdischen Kultur (von der allerdings zurzeit kaum Ansätze vorhanden sind) das bewirken könnte. Damit ist natürlich nicht geleugnet, dass es für einzelne Individuen mit ganz besonders ausgeprägtem Scammesgefühl ange-

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