Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1909-01-22 · Heft 10 (22.1.1909) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
5 (1908-1909)
Issue
Heft 10 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537654-3537662--1067-3539222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

210 i dieser Stamm erhalten? Keine festgefügte staatliehe Organisation, kein Vaterland gab ihnen seit der Zerstörung Jerusalems Rückhalt und Zusammenschluss. Ueber alle Teile der Erde zerstreut, bilden sie kleine Inseln inmitten von grossen Völkermeeren, umbrandet von dem Mass der Nationen. Unendlich oft werden sie von ihren Wohnstätten, kaum heimisch geworden, vertrieben, aber sie schleppen mit den Wunden der Verfügung auch die unbesiegte nationale Energie mit. Welchen inneren Kräften verdankt nun der Stamm seine erstaunliche Widerstandsfähigkeit? An erster Stelle werden wir hier betonen müssen, dass die Juden ein Religionsvolk sind. Alle ihre nationalen Institutionen hängen mit der Religion auf das Innigste zusammen: ihre Rechtsprechung beruht auf göttlichen Geboten, ihre sozialen, hygienischen, moralischen Anschauungen sind in religiöse Formeln gebannt; ihre Kunst, ihre Dichtung dient dem Preise Gottes, ja sogar jede Handlung des täglichen Lebens wird von einem ,,SegenssprucrT begleitet. In dieser religiösen Durchdringung des ganzen Daseins liegt ein konservierendes Element von grösster Wirksamkeit. Schon bei anderen Nationen sehen wir Religionskriege von unerhörter Leidenschaftlichkeit, wie sollten die Juden ihren Glauben aufgeben, den ihre Väter von Gott selbst in der W'üste empfangen, von dem sie überzeugt waren, dass er einst alle Völker der Erde vereinigen würde, den Glauben, der ihnen alles ersetzen musste: Staat.und Macht, Vaterland und Glück? Und der felsenfeste Glauben an Gott gab ihnen auch die unerschütterliche Kraft im Leiden. „Der Ewige'' kann ja das Volk, mit dem er einen Bund geschlossen, nicht verlassen, er wird es nach allen Prüfungen und Verfolgungen zur Herrlichkeit sammeln. Es ist überaus charakteristisch, dass die Gestalt, in der sich alle nationale Sehnsucht der Juden verdichtet, die religiöse Form des Messias, des Gottgesandten, annimmt, wie ja auch Moses zugleich der Befreier des Volkes und Religionsschöpfer war. Wie sehr die messianischen Hoffnungen das ganze Leben der mittelalterlichen Juden beherrschten, zeigen ihre täglichen Gebete ebenso deutlich, wie die gewaltigen Volksbewegungen unter Sabbathai Zew i und anderen falschen Messiasen". Dazu kam noch der ausgesprochene Gegensatz zu den umgebenden Religionen, zumal zu dem Christentum: die Anbetung eines Menschen als Gott, die Verehrung der zahllosen Heiligen und die anderen Dogmen der christlichen Kirche mussten ihrem reinen, nationalistisch zugespitzten Monotheismus unannehmbar erscheinen. Die assimilationswidrige Wirkung der Religion wird sehr wesentlich unterstützt durch den ausgesprochenen Rassencharakter der Juden. Wir wollen uns hier nicht auf das schwierige Gebiet der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.