Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 10 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 209 Deutschland im Zeitalter Louis XIV. aus? Natürlich gibt es auch hier Männer von leidenschaftlichem Nationalgefühl. Unland, Arndt, Treiischke, Karl Schurz, Bismarck, könnte.man als Genies der Nationalgesinnung bezeichnen. Aber der Durchschnitt zeigt sich in der Hinsicht nicht sonderlich begabt. An diesem Beispiel können wir ersehen, dass die Rassenenergie nicht mit der politischen Stärke parallel zu gehen braucht, und wir finden auch bei manchen der politisch ganz einflusslosen Balkanstaaten eine bewunderungswürdige Kraft der nationalen Selbstbehauptung. Bei einer Betrachtung längerer historischer Zeiträume kann man feststellen, dass man es hier mit keiner ganz stabilen, sondern mii. einer an Tiefe und Gewalt in den verschiedenen Jahrhunderten wechselnden Eigenschaft der Völker zu tun hat. Alle die genannten. Weltreiche des Altertums, die ihre Entstehung der erobernden und assimilierenden Kraft eines Stammes verdanken, zerfielen mit seiner zunehmenden Degeneration und Verwahrlosung. Selbst das stolze römische Reich geriet in eine solche Entkräfturig, dass es zuletzt von einer seinem innersten Wesen gänzlich fremden orientalischen A'lacht, dem Christentum, zersetzt werden konnte. Andererseits können wir an manchen Völkern ein langsames Anwachsen» des Naticnalgefühls beobachten, und es gibt Epochen, in denen ganz allgemein das nationale Leben heisser und schneller pulst, wo es hier zur Losreissung, dort zur Vereinigung von Stämmen kommt. Gerade jetzt leben wir in einem Zeitalter nationaler Strömungen und Kämpfe. Der Zusammenschluss Italiens, Deutschlands, die Vorgänge auf der Balkanhalbinsel, die innerösterreichischen Ereignisse sprechen beredt dafür. Wir haben bisher das jüdische Volk noch nicht ausführlich in den Kreis unserer Betrachtungen gezogen, aber der ganze Gedankengang des vorigen Abschnittes führt mit Notwendigkeit zu einer Untersuchung der Frage: welche Rolle spielen die gegensätzlichen Faktoren der Assimilation und nationalen Selbstbehauptung in der Geschichte unseres Stammes? Nicht allein, weil dies Thema uns so ausserordentlich nah angeht, sondern weil es uns förderlich, ja unumgänglich erscheinen muss, unsere allgemeinen Ausführungen durch ein spezielles Eingehen auf die geschichtlichen Verhältnisse einer bestimmten Nation zu vertiefen und gewissermassen erst fruchtbar zu machen. Dass die jüdische Rasse eine starke nationale Energie besitzt, lehrt ihre Existenz. Kein anderes Volk kann auf eine so lange Geschichte zurückblicken. Tontafeln, Steinhaufen und Handschriften erzählen uns von den stolzen Reichen der Assyrer, Aegypter und Römer; von dem kleinen jüdischen Stamme sind lebendige Zeugen vorhanden: die direkten Nachkommen jener Männer, die gegen Nebukadnezar, gegen ägyptische und römische Feldherren gekämpft haben. Und unter wie ausserordentlichen Schwierigkeiten hat sich