Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 9 (16.12.1908)
- Date
- 1908-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 175 Die Frage des eventuellen Zusammengehens mit dem jungen Kaufmann ist für uns nicht einmal eine ganz neue, nur ihre öftere Behandlung in den zionistischen Blättern der vergangenen Monate legt es mir nahe, sie hier in ein bestimmtes Licht zu rücken. Es sind wohl zwei Gruppen von Schwierigkeiten, die uns das Zusammengehen erschweren werden; erstens von unserer Seite unser Charakter und unsere Beschäftigung als Studentenkorporation, zweitens auf der anderen Seite die schon bestehenden kaufmännischen Vereine. Es liegt in dem Wesen der Verbindung, dass ein gewisser Geist der Exklusivität gezüchtet wird, und es ist diese Abschliessung für uns „jüdische Studenten" sogar sehr nötig gegenüber den anderen Studierenden, jüdischen und nichtjüdischen, und im allgemeinen unschädlich, solange ihr nicht das Unkraut eines selbstvergötternden Dünkels entwuchert. Wollten wir aber die studentischen Scheidewände auch in den weiteren Verkehr hinausversetzen und uns allüberall mit blau-weiss-gelben Grenzpfählen umgeben, so würde man nur lachend über uns hinwegsehen, und unser neuer Judenbau wäre in die Luft gebaut. Da wir uns ja auch auf unseren grösseren Ausflügen etc. gewissermassen rein menschlich zeigen und es wohl verstehen würden, wie die unliebsamen studentischen so auch uns unangenehmen kaufmännischen Elemente von uns fernzuhalten, ginge also unsere innere Disziplin und unsere gehobene Stellung als inkorporierte Studenten kaum verloren, wenn wir offiziell ein ge-* wisses Verhältnis zu den jungen Kaufleuten anbahnen wollten; vielleicht würden wir auf diesem Wege uns auch dem praktischen Leben und den modernen — für uns bodenständige Juden nur „altneuen" — sozialen Ideen nähern. Die grössere Schwierigkeit liegt auf der anderen Seite, da die meisten jungen Kaufleute bereits bestehenden Vereinen angehören, und von denen noch mehr absorbiert werden, als es bei uns durch den Verein geschieht. Da gerade die jüdische Kaufmannschaft von regem Interesse und Kämpfermut für ihren Stand erfüllt ist und dazu durch die kaufmännischen Vereine noch Förderung ihrer nächsten Bedürfnisse, Erweiterung ihrer geschäftlichen Kenntnisse und direkte finanzielle Unterstützung erfährt, wird es für uns am schwierigsten sein, diesen besonderen Kreisen näherzukommen, aber auch zugleich heiligste Pflicht, da auf diesem Boden sowohl genusssüchtigster Materialismus wie betrübendste Assimilation üppig zu.gedeihen pflegen. Einer nicht geringen Assimilationsgefahr sind die jungen Kaufleute in den bestehenden geselligen und sportlichen paritätischen Vereinigungen ausgesetzt, und auch die grösseren allgemein jüdischen Vergnügungsvereine", die wie etwa der jüdische Jugendbund in München ungefähr unsere Anschauungen widerspiegeln sollten, sind bis jetzt zur Erweckung eines mit lebendiger Kraft pulsierenden, aufrechten Judentums nicht gerade vorbildlich gewesen. Die orthodoxen jungen Leute werden sich der Beeinflussung von unserer Seite höchstwahrscheinlich entziehen, da sie ge-