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Der jüdische Student · 1908-12-16 · Heft 9 (16.12.1908) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
5 (1908-1909)
Issue
Heft 9 (16.12.1908)
Date
1908-12-16
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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172 Der jüdische Student. mitismus (hauptsächlich mit der Waffe), der extensivsten Interpretation fähig. Zuerst spricht ein historischer K. C.-er aus der ältesten Zeit, ein Jahr nach der Gründung der ersten jüdischen Studentenverbindung Deutschlands, der Viadrina; man hat die Pestrede abgedruckt, die zum ersten Stiftungsfest dieser Verbindung gehalten wurde (Oskar Mayen); ein recht interessantes Dokument aus der Zeit des ersten Kampfes und von der ursprünglichen, noch nicht abgekühlten Begeisterung beseelt, wie sie nur in den allerersten Zeiten einer Idee auftreten kann; im übrigen recht geschickt angelegt: Die Juden haben im Freud und Leid der Christen teilgenommen, sie haben zu ihrer Kultur beigetragen (Mendelssohn, Löwe, Heine); deshalb fordern sie keine Duldung, sondern Anerkennung; diese wird nicht erreicht durch Abwarten, sondern durch Kampf. Man müsse am Judentum festhalten und das Streben nach „Amalgamierung" (gleichbedeutend mit „Assimilation") bekämpfen. Der negativste K. C.-er des Jahrbuches ist wohl Dr. Robert Lerchenthal, der den Artikel seines Bundesbruders Hans Block, „AdeL, im vorhergehenden K. C. Jahrbuch heftig angreift; für ihn existieren einzig und allein die deutschen Juden, die deutsche Kultur, an der die Juden mitgearbeitet haben; eine jüdische Kultur, an die er nicht glaubt, die sehr unwahrscheinlich ist (worüber er „herzlich froh" ist), die er als das grosse X bezeichnet, würde nur trennend zwischen ihn und die anderen Deutschen treten; er betont zwar, dass er nicht nur Jude von Antisemitismus Gnaden sei, aber es klingt nach dem, was vorhergegangen, sehr unwahrscheinlich. Ebenso negativ jüdisch ist Dr. Walter Orätzer, der in seinem Artikel „Gesellschaftliche Stellung der Juden" den Antisemitismus von 16 Stellen aus beleuchtet; von vornherein spricht er, um den von den Gegnern behaupteten Unterschied zwischen Juden und Deutschen, den er widerlegen will, möglichst zu verkleinern, von der• „jüdischen Kirche", stellt also den Begriff Christ und Jude vollkommen gleich; nach ihm gibt es Antisemitismus nur in den oberen Schichten, hauptsächlich beim Adel, weil dieser für seine Stellung und seinen Machteinfluss fürchtet (vgl. dazu Herzl Judenstaat: „Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus", und die heutige antisemitische Mittelstandsbewegung!). Das Volk kennt keinen Antisemitismus (vgl. Herzl: ,,Tief im Volksgemüt sitzen alte Verurteile gegen uns: das Märchen und das Sprichwort sind antisemitisch); dass dieser überhaupt kein „Hass" ist, zeigt sich in der Anerkennung der Getauften (??) (die „äusserliche" Anerkennung des Staates, die aus den Getauften auch noch immer Bürger zweiter Klasse macht — die Juden selbst sind dritter — hat keinen Wert für die von Grätzer als die Lösung bezeichnete gesellschaftliche Anerkennung; auch der getaufte bleibt der „Jude"). Das Schlimmste für uns Juden ist der gesellschaftliche Boykott; da die Juden dienstlich an den massgebenden Stellen keinen Fuss fassen können, so müssen sie es ausserdienstlich tun, und jeder Jude muss im Stolz

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