Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 9 (16.12.1908)
- Date
- 1908-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Der jüdische Student. sich daran anzuklammern, der in seinem unbegründeten Vorurteil das jüdische Leben nicht sieht, wie es seine sonderbare Eigenart erscheinen lässt, sondern wie es sich seine von Herzenswünschen angeregte Phantasie beim Scheine der Studierlampe vorspiegelt. Also verlange ich einen offiziellen Unterricht in jüdischer Religionslehre, nach katechistischer Art schön in „Glaubens- und Pflichtenlehre44 eingeteilt? Nein -- mit dieser Vermutung habt ihr mich gründlich missverstanden. Mühsam aufgestellte Lehren über Dogmatik, Ethik und Zeremonialgesetz des Judentums sich angeeignend, heisst noch nicht dessen Wesen erfasst haben. Dieses Ziel lässt sich nur durch Beachtung der fast zwei Jahrtausende währenden Entwickelung der jüdischen Ideen erreichen. Da habt ■ ihr meine Forderung! Nicht in einigen, vielleicht an sieht unbedeutenden Kristallisationen aus dem ehedem lebendigen Fluss des jüdisch-religiösen Einzel- und Gemeinschaftslebens darf der junge — und damit auch der alte -- V. J. St.-er Charakteristika des jüdischen Geistes erblicken. Er muss die jüdische- Psyche zugleich mit dem jüdischen Volkskörper im Geschichtsunterrichte sich entwickeln sehen. Da ist die notwendige" Ergänzung zu ßbr. Freunds berechtigter Forderung (s. No. 5/6 des J. St.). Wir wollen ein starkes, stolzes, lebensfrohes Judenvolk; dann lassen wir ihm zunächst seine Vergangenheit der Freiheit auf eigenem Boden lebhaft vor Augen treten! Wir wollen ein erneutes, eigenes, frisches jüdisches Geistesleben; dann ist intime Bekanntschaft mit jener für die gesamte zionistische Welt so ungeheuer wichtigen Blütezeit jüdischer Geisteskultur erste Bedingung. In ständiger Anlehnung an die Darstellung des äusseren Werdeganges des jüdischen Volkes müssen die einzelnen Phasen der jüdischen Religionsentwickelung in ihren' charakteristischen Momenten und ihren fort- oder rückschrittlichen Unterschieden mit in den Vordergrund der Betrachtung gerückt und ihre kulturellen -Werte herausgestellt werden. Erst wenn auf dit-se Weise die verschiedenen jüdischen KuRurfaktoren nicht leere Begriffe, sondern ein wirkliches Besitztum in den Köpfen unserer Füxe sein werden, erst dann können wir auch auf Verständnis und Würdigung der kulturellen Seite der Golusgeschichte rechnen. Wir werden unsere Füxe dadurch vielfach von einem mechanischen Geschichtsstudium bewahren, und damit wird ihr Interesse an dem ideellen Teile unserer Geschichte eine wesentliche Förderung erfahren. Aber auch für die Betätigung im jüdisch-politischen Leben ist eine ständige Rücksichtnahme auf den der jüdischen Rasse eigentümlichen Kulturkreis eine Grundbedingung. Hüten wir uns vor den unausbleiblichen Folgen eines überspannten, auf einer ungenügenden Grundlage von jüdisch-kulturellen Kenntnissen basierenden _ Nationalismus! Der famose Fall des Berner Jom-Kippur-Banketts hat uns ja für solchen nationalen Uebereifer ein recht drastisches Beispiel geliefert.