Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537654-3537664--1124-3539145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
264 Der jüdische Student. Danaidenfass. Nur dem schaffenden Genius wird die Kunst ein Streben. Dem Qeniessenden nie. Sie sind ein Schöngeist. Ein Schöngeist ist einer, der über gewisse Dinge schön reden kann. Sie finden, ich habe damals schön über mein Judentum geredet. Aber Sie irren sich, in einer Grundtatsache irren Sie sich: Es gibt nämlich noch ein anderes, als über die Dinge zu reden; man kann auch in ihnen reden. Und sehen Sie, so war es: Nicht über, i n meinem Judentume habe ich geredet. Aus einem kreisenden Zirkel heraus. Das war es, was Sie ergriff, so stark ergriff, dass Sie heute ins Wanken geraten sind. Sie fühlen mit einem Male, dass Schöngeist zu sein, zu wenig ist für Sie. Sie fühlen, dass Ihnen etwas fehlt. Sie möchten gern etwas haben, in dem Sie leben und weben können, etwas Daseinsfüllendes, das nicht herrenloses Gut ist, sondern das Ihnen zu Recht gehört, ein Ideal, das stärker ist als Sie, das Sie äusserlich klein macht, indem es Sie beherrscht, innerlich aber gross, unendlich gross und stark, indem es die vielen Metalle Ihrer Seele einschmilzt zu einer Glocke aus einem Gusse. 0, sie wird einen herrlichen Klang haben, diese Ihre neue Glocke. Und Sie werden sich wundern: Diese Glocke wird mehr in Ihnen zum Klang bringen, als Sie ahnen. Es ist eine Zauberglocke. Wenn sie klingt, müssen alle verborgenen Töne hervor aus den Winkeln ihrer Seelenwelt und mitläuten. Nein, Sie werden nicht einseitig werden,lieber Kunstschwärmer. Im Gegenteil. Sie werden fast selbst zum Künstler werden, wenn Sie immer so schöne Musik in sich hören. Sie fragen, wann Sie mich besuchen können? Kommen Sie, kommen Sie so schnell als möglich. Ich will Ihnen meine Glocke vorläuten. Sie sollen die jüdische Glocke hören! Heute Abend schon können Sie mich treffen. Ich bin im jüdischen Studentenverein. Ich lade Sie ein. Was dort los sein wird, fragen Sie mich? Nicht viel. Lieber! Wenigstens für Sie nicht. Wir werden Lieder singen. Und ich werde meine Freunde um mich sehen. Sehen Sie sich meine Freunde genau an. Wenn sie singen vor allem. Und auch sonst. Und reden Sie auch mit ihnen. Sie sind ebenso alt wie Sie. Und alle läuten sie dieselbe Glocke. Ich grüsse Sie! Berlin, im Januar 1907. Emil Cohn. Jüdisch-studentische Monatsübersicht.*) Die Ausländerfrage an deutschen Hochschu- 1 e n scheint sich zu einer regelmässig alljährlich wiederkehrenden *) Von den Heft 11 S. 228 mitgeteilten Blättern sind inzwischen vergeben worden: A. D. B. Zeitschr., Akad. Turnbundsbl., Akad. Turnztg, Bursch Bl, Frankf. Ztg. Hochschulnachr., Tägl. Rundschau, Die Welt. Für die übrigen bitte ich noch um Anmeldungen.