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Der jüdische Student · 1909-03-19 · Heft 12 (19.3.1909) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
5 (1908-1909)
Issue
Heft 12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Der jüdische Student. 263 Mehr aber auch nicht. Ich wusste, Sie teilten nicht meine Ideen. Sie hörten aus Höflichkeit zu. Ich suchte nach tieferem Interesse bei Ihnen; Sie aber schwiegen sich aus. Schliesslich, als die liebenswürdige Dame des Hauses die Mahlzeit gesegnet hatte, drückten wir uns die Hände und gingen auseinander. Wie erstaunt war ich, als heute, eine Woche danach, Ihr Brief kam. Ich las ihn und kenne Sie nun. Ich sagte Ihnen schon, wie schön Ihr Brief ist. Er ist schön, obgleich seine Gedanken unklar sind. Es kommt mir vor, als hätten Sie den Brief zur eigenen Klärung geschrieben. Schadet nichts. Sie betonen zunächst, dass es ein rein künstlerisches, allenfalls menschliches, keineswegs aber ein jüdisches Interesse gewesen sei, was Sie zu Ihrem Schreiben veranlasst hat. Zwar wären Sie lange nicht zur Klarheit gekommen, hätten sich auch kurze Zeit vorgespiegelt, wirklich ein jüdisches Interesse in sich wiedergefunden zu haben. Schliesslich aber seien Sie zu der deutlichen Ucberzeugung gelangt, dass nicht meine Gedanken, sondern die Art, wie ich sie vortrug, Sie gefesselt hätte. Wären dieselben Gedanken Ihnen in anderer Art geboten worden, sie hätten gewisslich keinen Eindruck auf Sie gemacht. Und Sie fragen: Ob ich dieselben Gedanken anderen Leuten in anderer Form biete? Und schliesslich, ganz am Ende, fragen Sie: Ob ich mir wohl zutraue, Sie zu einem guten Juden zu machen? Diese letzte Frage hat mich mehr als altes gefreut. Um dieser Frage willen, nur um ihretwillen, beantworte ich Ihren Brief. Glauben Sie nicht, dass ich aus ihr allein auf ein jüdisches Interesse oder wenigstens ein jüdisches Herz bei Ihnen schliesse. Ich schliesse nicht so. Nicht etwa aus Diplomatie, weil Sie sich darüber ärgern könnten, wenn ich es täte; sondern, weil ich Sie nicht an einem Judentume ergreifen will, das Sie noch nicht haben. Diese Frage freut mich an Ihnen, weil Sie Ihnen Ehre macht. Nicht jeder würde sie in Ihrer Lage stellen. Sie ist nämlich ein Eingeständnis. Sie gestehen ein, dass Ihnen etwas fehlt. Und etwas sehr Schönes und Starkes, das fühlen Sie. Um es in Ihre Sprache zu übersetzen: Sie möchten gern so über Ihre Dinge reden können, wie ich über die meinen. Und Sie fühlen unbewusst, dass, was mich so zu sprechen befähigt, nicht eine persönliche Eigenschaft von mir, sondern eine Eigenschaft der Dinge ist, die mich bewegen: meines Judentums. Bitte unterbrechen Sie mich nicht, sondern hören Sie mich bis zu Ende! Sie sind ein Schöngeist, Freund. Schämen Sie sich nicht! Ich war es auch und in gewissem Sinne werde ich es immer bleiben. Sie sind gleich den meisten der gebildeten jungen Juden, wie die Grossstadt sie erzeugt, ein Schwärmer, ein Idealist. Wie die meisten, haben Sie sich auf die Erzeugnisse der Kunst und Literatur, die herrenlosen Güter in der Welt der Ideale, geworfen. Es ist eine eigene Sache mit diesen herrenlosen Gütern. Ihr könnt sie Euch aneignen und doch werden sie Euch nie erfüllen. Ihr schöpft in ein

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