Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 11 (24.2.1909)
- Date
- 1909-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Der jüdische Student. „In den Nummern 52/53 Ihres geschätzten Blattes haben Sie unter „Akademische Nachrichten" ausgeführt, dass bei den Wahlen zum Direktorium der akademischen Lesehalle an der Universität Berlin sich unangenehm bemerkbar gemacht hätte der alte Zwist zwischen der Vereinigung jüdischer Korporationen und der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung. Da diese Ausführungen bei dem Ansehen, das Ihr Blatt geniesst, dazu angetan sind, A'üssverständnisse hervorzurufen und überhaupt in weitesten Kreisen über den Standpunkt der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung in der Judenfrage Unklarheit zu herrschen scheint, bitten wir Sie, diese und nachfolgende Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte abdrucken zu wollen. Es ist von jeher ein deutliches und absichtliches Bestreben der konfessionell-jüdischen Korporationen gewesen, die Freie Wissenschaftliche Vereinigung als „sogenannte" jüdische Korporation hinzustellen. Mit dieser Behauptung setzen sich die Korporationen über die Prinzipien hinweg, die von der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung seit ihrem Bestehen vertreten werden. Die Freie Wissenschaftliche Vereinigung als eine Verbindung deutscher Studenten will ihre Mitglieder zur Betätigung einer freien und vorurteilslosen Weltanschauung erziehen. Sie bekämpft daher unter den Studenten eben so sehr gesellschaftliche Abschliessung und Kastengeist wie religiöse Absonderung; sie bekämpft das antisemitische Programm wie das konfessionell-jüdische und katholische Programm. Je mehr dadurch, dass derartige politische und konfessionelle Programme bereits in der Studentenschaft vertreten sind, die Gegensätze in der Studentenschaft verschärft werden, um so nachdrücklicher muss die Freie Wissenschaftliche Vereinigung an ihrer Ausgleichung arbeiten, wieder und immer wieder darauf hinweisen, welcher Unsegen dem deutschen Vaterlande erwächst, wenn die Absonderung politischer und konfessioneller Gruppen auf die Hochschulen übertragen wird. Die akademische Jugend in Gruppen scheiden, die sich gegenseitig in Acht und Bann tun, heisst nichts anderes, als die gesellschaftliche und politische Zerklüftung des bürgerlichen Lebens vorbereiten (Vcrgl. „Der Standpunkt der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung in der Judenfrage; „Was wir tun", im F. W. V.er Taschenbuch. Verlag J. S. Preuss, Berlin 1909.) Aus diesen Darlegungen erhellt, dass ein Zusammengehen der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung mit katholischen oder jüdischen Korporationen bei Wahlen, ebenso sehr ein Verleugnen ihrer Grundsätze bedeutet, wie ein Zusammengehen mit antisemitischen Korporationen. Mit vorzüglicher Hochachtung Die Freie Wissenschaftliche Vereinigung. I. A.: Karl Isaac, stud. med.