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Der jüdische Student · 1908-09-17 · Heft 5-6 (17.9.1908) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
5 (1908-1909)
Issue
Heft 5-6 (17.9.1908)
Date
1908-09-17
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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120 Der jüdische Student ganz in der Nähe das Grab Theodor Herzls sich befinde. Solche Gelegenheit lässt selbst ein antizionisitischer V. J. St.-er nicht vorübergehen. — An einem Morgen des werdenden Frühlings machte ich mich auf den Weg. Mancherlei Gedanken bewegten mich. Ich erinnerte mich, wie der, den ich jetzt besuchte, uns einst erzählt hatte von seinem Gange zu einem der Grossen unseres Volkes, wie Theodor Herzl hinausgepilgert war auf die Breslauer Lohestrasse zu Ferdinand Lassalle, und unwillkürlich stellte ich den Socialisten neben den Zionisten. Sie haben beide das „Endziel" nicht gesehen. Aber wird sich der Gedanke des „Judenstaates" länger halten als der der „Produktivassociationen mit Staatskredit"? Warum hat der Gymnasiast von St. Magdalena, der sich „an die Spitze der Juden stellen wollte, um sie nach Palästina zurückzuführen", diesen Traum so schnell ausgeträumt? 50 Jahre später vertraute man diesen Gedanken ja nicht allein seinem Tagebuch an, sondern rief ihn alle WTelt, und es gab ein wunderbares Echo! — — — Doch da bin ich am Ziel. Mein erster Blick fällt auf Kreuze; keine Hecke, keine Mauer trennt sie von den Grabsteinen der Juden. Aufmerksam gehe ich die Gräberreihen entlang, schlichte Kreuze wechseln mit „Erbbegräbnissen", unter den Namen lese ich deutsche und slavische" in buntem Wechsel; Gott sei Dank! Das „nationale Kataster" kennt man wenigstens an dieser Stelle nicht mehr. Von sozialen Unterschieden redet diese Totenstätte laut und eindringlich, die Grenzen der Nationalität kennt man nicht mehr. Auf dem jüdischen Teile fällt mir ein frischer Grabhügel auf, auf den bunten Kranzschleifen lese ich einen Namen, dessen Träger, wenn ich nicht irre, im Wiener Kultusvorstand sass und dort den Zionisten viel zu schaffen machte. Wenige Schritte davon ein schwarzer Marmor; Jakob Herzl lese ich. Ich blicke noch suchend umher. Der Friedhofsgärtner, dem ein Nickelstück den Mund öffnet, sagte: „Ja, ja, da ist's"; er weist hin auf die Bronzeplakette, auf der die italienischen Zionisten des toten Führers gedenken. „Hier liegen sie immer zu dritt übereinander", höre ich als weitere Erklärung. Ich konnte das nicht mehr auf seine Richtigkeit untersuchen, aber das Herz krampfte sich bei diesem Gedanken zusammen. Armer Theodor Herzl! Nach dem bitteren Lebenskampfe vielleicht nicht einmal ein Paar Schuh Erde für dich allein! Warum? Ich blicke auf: aus dem Häusermeer hebt sich der Stephansdom, weiter hinten das Riesenrad im Prater heraus, ganz nahe von mir die landwirtschaftliche Hochschule. Fast hätte ich in der Einsamkeit der Gräber vergessen, dass ich am Rande einer Weltstadt stehe. Bald wird man ja auch hier den Boden mit Silber, nein mit Gold aufwiegen müssen. Die „Frage" des Bodenbesitzes, ein Teil der vielgestaltigen „socialen Frage", sieht mich an. Alle müssen ihren Postulaten folgen, in der Stadt heisst es „höher bauentt, auf dem Friedhof geht es nicht viel anders. Ich bin schon aut dem Heimwege, da denke ich, wie glücklich wir

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