Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 5-6 (17.9.1908)
- Date
- 1908-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Der jüdische Student? Möglichkeit, noch einmal Volljuien zu werden, zugesteht. Später scheint er auch an dieser Möglichkeit zu ver weifein. Bezeichnend ist der Satz: ,,Die Wechselfälle der Geschichte haben . . . aus den Ostjuden eine in ihrer nationalen Kulturtätigkeit so gefestete, mit Vorbedingungen nationaler Fortbildung so reichlich ausgestattete Nation gemacht, wie es die Westjuden niemals waren (und nebenbei bemerkt, auch kaum mehr werden können .a Es sieht fast so aus, als ob er die Westjuden allmählich einfach aufgibt. (Uebrigens machen sich auch schon vor dem ,,westjüdischen Kulturproblem" deutliche Spuren einer derartigen Stimmung bemerkbar. So in dem Artikel ..Einige Gedanken über den Antisemitismus" vom Jahre 1902, wo er den Westjuden die Fälligkeit, wahre Nationaljuden in seinem Sinne zu sein, abstreitet, ihr Nationaljudentum vielmehr lediglich auf Reaktion gegen den Antisemitismus zurückführt. Diese Meinung, die ja wohl zum grossen Teil den Tatsachen entspricht, beeinfiusst ihn auch hei seiner Stellungnahme gegenüber den Westjuden.) Betrachten wir nun diese Theorie etwas näher. Wir werden wohl ohne weiteres zugeben, dass das, was für Mathias Acher allein das Nationaljudentum ausmacht, sicher ein ganz wesentlicher Bestandteil ist. Es steckt etwas Wahres in dem, was Dubnow einmal sagt, dass die Nationen die stärkste Lebenskraft zeigten, die im stände wären, ein rein geistiges Leben zu führen. Und wenn der Zionismus dieses Element nicht enthielte, so verlöre er sicher einen grossen Teil seiner Berechtigung. Wir werden aber sehen, dass auch gerade eine neu-jüdische Kultur durch ihn im höchsten Grade ermöglicht wird. Vorläufig müssen wir jedoch darauf achten, dass ein Volk nicht ohne weiteres eine Kultur hervorbringen kann. Dazu m.uss es die Möglichkeit haben, seine Kräfte zu betätigen. Und die hat das jüdische Volk heute nicht. Ueberall wird es eingeengt von Judenhass. Die Juden des Ostens, auf die Mathias Acher so ganz besonders rechnet, werden erst kulturschöpferisch tätig sein, wenn sie ihren Hunger stillen können und ihr Elend wenigstens einigermassen beseitigt ist. Man wird nicht sagen können, dass sie heute eine fortschreitende Kultur haben. Die Kulturweike, die Mathias Acher so grosse Hoffnung einflössen, sind eines Teils Reste einer alten Kultur, die auch schliesslich dem Untergang geweiht sein werden, wenn sie nicht von der nationalen Idee verjüngt werden. Und-dass diese im Zionismus ihre beste und einzig vollen Erfolg versprechende Verkörperung hat, werden wir unten noch sehen. Wenn Mathias Acher einmal den Chassidismus als Beweis für eine Kulturtätigkeit — die übrigens, wie er an derselben Stelle sagt, niemals still gestanden haben soll — anführt, so werden wir natürlich gern zugeben, dass eine derartige Bewegung eine Kulturtat ist. Aber solche einzelnen Taten machen noch keine Kultur, die Geschichte gibt sie uns gewissermassen nur als Tröstungen, die uns zeigen, dass wir auch unter den ungünstigsten Verhältnissen unsere Kraft nicht ganz verloren haben und mit ihr, wenn bessere Zeiten kommen, noch