Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 5-6 (17.9.1908)
- Date
- 1908-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Der jüdische Student. ihre Geschichte. Also auch hier bildet die Geschichte das einigende Band um die zersprengten Glieder unseres Volkes. Erzieht uns der Geschichtsunterricht auf diesem Wege zum Solidaritätsgefühl mit allen auf der Welt zerstreuten Juden, erweckt und stärkt er so das für einen V. J. St.-er notwendige jüdische Einheitsgefühl, so erreicht er andererseits noch einen weit tieferen und edleren Zweck, er erfüllt uns mit jüdischem Stolz und mit Liebe zum jüdischen Volke. Er schmiedet ein eisernes Band nicht nur um uns und alle jetzt lebenden Juden, sondern vor allem um uns alle Juden, die je gelebt haben. Helden treten vor uns, die sich an Kraft, Stolz und Kühnheit mit jedem der „Ritter ohne Furcht und Tadel" messen können, deren Lob uns auf deutschen Schulen gesungen wurde, und auf Scheiterhaufen und Altären sehen wir das Blut von Märtyrern fliessen, die uns ein einzigartiges Beispiel liefern für die Treue, die man seinem Volke halten kann. Was könnte eher geeignet sein, in unsern Füxen das jüdische Selbstbewustsein zu wecken und zu stählen, das Bewustsein, dass unser Volk den andern grossen Völkern, von denen uns die Weltgeschichte berichtet, mindestens ebenbürtig ist, als diese Schilderungen aus den Tagen unserer grossen Vergangenheit! Der Abiturient, der heute das Gymnasium verlässt, hat von den grossen Taten grosser Männer viel vernommen. Begeisterung für griechische und römische Helden wird schon der Seele des Knaben eingeimpft, und deren ebenbürtige Nacheiferer lernt er in deutschen Rittern und Freiheitshelden kennen. Von jüdischen Kämpfern weiss er nichts oder wenig. Heroen des Geistes allenfalls sind ihm im jüdischen Religionsunterricht geschildert worden, Männer, deren Stärke im edlen Gemüt, im Glauben und in der Demut lag. Sein Heldenideal aber trägt Panzer und Helm und ist mit dem Schwerte umgürtet. Das hat er in seinem Volke nicht gefunden. Und so schwärmt er wohl für Griechen und Römer, der Gedanke an die Vergangenheit seines Volkes aber vermag sein Herz nicht höher schlagen zu lassen. Er kennt zwar Hermann und Thusnelda, aber Barak und Deborah sind ihm leerer Schall. — Hier muss unser Geschichtsunterricht einsetzen und nach Kräften die Lücken auszufüllen suchen, welche die Erziehung der jungen Juden aufweist. Darum dürfen wir auch den Hauptwert nicht etwa, wie es so oft geschieht, auf das Zeitalter eines Maimonides oder Jbn Gabirol legen. Auch die Geschichte des 19. Jahrhunderts mag ja zum Verständnis unserer heutigen Lage von Wichtigkeit sein, aber um ein Jünglingsherz mit Begeisterung für sein Volk zu erfüllen, dazu ist sie kaum geeignet. Soll die Geschichte zum Herzen sprechen — und das soll sie doch —, so muss sie ideale Persönlichkeiten vor die Seele zaubern. Sie soll uns nicht etwa am Beispiel der Reform zeigen, wie wir nicht sein sollen, sondern uns durch die Schilderung jüdischer Heldentaten belehren, wie wir sein sollen. Und die jüdische Geschichte weist genug Helden auf, die in unse-