Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 5-6 (17.9.1908)
- Date
- 1908-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 111 Interesse für die jüdische Geschichte, ein Interesse, das, bei den Gebildeten seinen Anfang nehmend, sich bis in alle Schichten der Judenheit hinein erstreckte. Plötzlich schössen sie allenthalben aus dem Boden, jene „Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur", und fast jede Gemeinde hoffte durch eine solche Gründung dem Verfall des Judentums entgegenarbeiten zu können. Aber nicht die Philistergemeinde war der günstige Nährboden für diese Saat, nur verkrüppelte, kaum lebensfähige Gewächse konnten da ihr kümmerliches Dasein fristen; weit empfänglicher und reichere Ernte versprechend war die kleine Gemeinde der studierenden jüdischen Jugend, die den Grundstock zu unserem Bund legte. Der Verein Jüdischer Studierender und dann der gesamte B. J. C, sie erkannten bald den hervorragenden Wert des Studiums der jüdischen Geschichte für die Erziehung zum bewussten Juden, und sie verstanden es, den Gedanken in die fruchtbringende Tat umzusetzen. Darum verlangte die Vereinigung, wie aus dem (Heft 2 veröffentlichten) Bericht ihres 2. Semesters zu erfahren ist, dass „vor allen Dingen jedes Vereinsmitglied einen Stoff aus der jüdischen Geschichte beherrschen musste", und darum verstehen auch wir unter dem „geistigen Rüstzeug44, mit dem jeder unserer Bbr. Bbr. auszustatten ist, ein übersichtliches Wissen über die gesamte Geschichte unseres Volkes. Der Wert des Geschichtsunterrichts für die Erziehung zum bewussten Juden liegt meiner Ansicht nach vor allem in zwei Punkten: 1) die Kenntnis der Geschichte fesselt uns an die Gemeinschaft. 2) sie erfüllt uns mit Stolz und mit Liebe zum Judentum. Woran liegt es, dass die Kenntnis der Geschichte uns so eng an die Gemeinschaft fesselt? Ich möchte darauf folgende Antwort geben: Weil in der Geschichte vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende der Unterschied zwischen meiner Person und unendlich vielen Gliedern meiner Gemeinschaft verwischt ist, weil in der Gestalt meines eigenen Urahnen im 100. Geschlecht sich unendlich viele Juden verkörpern, .die heute mir völlig unbekannt und von mir vielleicht Tausende von Meilen entrernt sind, die aber durch unsern gemeinsamen Ahnen mit mir verbunden sind. Die Geschichte ist das einzige Band, das uns Juden heute zusammenhält. Das Band der Sprache und des Religionsgesetzes ist grösstenteils geschwunden, das der Rasse wird bestritten und das so oft angeführte der Interessengemeinschaft im Kampfe gegen den Antisemitismus ist ein Begriff, dem soviel verschiedene Inhalte eigen sind, als die Interessen der gegen die Antisemiten kämpfenden Juden verschieden sind. In Wirklichkeit will dieser Begriff auch nur das bezeichnen, dass man uns überall verfolgt als Fremde, die ein eigenes Ganzes bilden, die zusammengehalten werden durch den bisherigen gemeinsamen Gang ihrer Geschicke, und das ist