Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 5-6 (17.9.1908)
- Date
- 1908-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 107 Zeit zu Zeit die akademischen Behörden erlauben, aber nur liberalen Elementen gegenüber; die katholischen Vereine, z. B. die Vinzenz- und Bonifaziusvereine oder die „Sozialen Studentenzirkel" dürfen sich politisch so viel betätigen, wie sie nur wollen (vgl. auch B. T. v. 7. 8.). — Sobald wir zu den Verhältnissen der jüdischen studierenden Jugend ausserhalb Deutschlands übergehen, behauptet natürlich, soweit es sich um traurige Berichte handelt, Russland konkurrenzlos seinen ersten Platz. Aus den verschiedensten Universitätsstädten liegen diesmal Nachrichten vor; und ists auch heute noch nicht für uns hier am Platze, in nicht allzu langer Zeit werden wir durch Zusammenstellung des umfangreichen Materials für eine jede Stadt interessante Einblicke in die Taktik der Regierüng erlangen können, wie sie sich eben nur durch andauernde Sammlung, Beobachtung und Vergleichung der Details ermöglichen lassen. —• In manchen Fragen der „Organisation" berührt sich eigentümlicherweise das russische Ministerium mit Gedanken, wie sie in unserem Kreise so oft besprochen werden und verwirklicht zu werden in Aussicht genommen sind! Wir sind uns alle darin einig, dass es, wenn wir etwas Rechtes erreichen wollen, zu spät ist, den jungen Menschen erst auf der Universität an uns heranzuziehen; auf den Gymnasiasten schon müssen wir versuchen, nachhaltigen Einfluss auszuüben, um uns so die Arbeit am Studenten zu erleichtern und gleichzeitig erfolgreicher zu gestalten. Mehr und mehr kommt man auch in Russland dahinter, dass es, um den Strom der jüdischen Jugend vom Studium abzulenken, bereits die Schulen strenger zu beaufsichttgen gilt. Die Handelsschule in Warschau, mit deren Absolvierung man ein besonderes Anrecht auf Aufnahme in die Universität und in die polytechnischen Schulen erwirbt, hatte bisher über die auf 40 Prozent festgesetzte Norm hinaus jüdische Schüler bis 75 und 80 Prozent aufgenommen. Ein erneuter Erlass des Unterrichtsdepartements im Handelsministerium hat die Direktion wieder energisch auf das „Judengesetz" aufmerksam gemacht^ und gleichzeitig ist "an alle Handelsschuldirektoren ein Rundschreiben ergangen, „das sich mit der Aufnahme jüdischer Schüler zu Beginn des Schuljahres beschäftigt . . . Insbesondere verfügt das Ministerium folgendes: Für den Fall, dass sich in der Schule schon jetzt jücl. Schüler über die gesetzliche Norm befinden sollten, weil in früheren Jahren Erleichterungen bei der Aufnahme jüdischer Schüler zugelassen wurden, sollen in dem kommenden Schuljahr 1908/09 jüdische Schüler nur in die Vorbereitungsklasse und in die erste Klasse aufgenommen werden, aber auch immer nicht mehr, als die Perzentnorm für Juden ausmacht (Israelit No. 34 und Oesterr. Wochenschrift No. 34). Wie weit in ihrem glühenden Durst nach Wissenschaft jüdische Mädchen, selbst aus wohlhabenden Kreisen, gehen können, haben sie neuerdings wieder staunenswert bewiesen. Um in Kiew wohnen und studieren zu können, haben sich mehrere Absolven-