Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1908)
- Date
- 1908-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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60 Der jüdische Student. Individuum und Masse, noch auf einer besonders ausgeprägten« konserv^vistisch-radikalistischen Tendenz der Volksseele. Mit dem Opfertanz, den das eben aus der Sklaverei befreite Israel ums goldne Kalb aufführte, als um die Versinnbirdlichung alles desen, was die jüdischen Massen bis zum Sinai geleitet hatte, der Bedürfnisse und des Luxusbestrebens, beginnt gleich in so bezeichnender Weise die Volkwerdung Israels, an dessen Anfang der geniale Kampf des grössten Individuums, dessen das jüdische Volk sich rühmen darf, Möschens, mit den in der Sklaverei verblödeten Massen gestellt ist. Dss erste Mal, dass in das jüdische Volk ein hoher, idealer Gedanke getragen wird, und schon gleich die allgemeinen Symptome des beginnenden Kampfes gegen das Individuum und dadurch gegen die Idee — Träger der Idee sind ja nie die Massen, sondern in allen Fällen einzelne —Mangel an reformatorischem Talent und Verständnis, Unterordnen unter den Führer, solange man es ohne Opfer jfcxn kann, dann blinder Hass und Kampf, weil er ihre elementarm Lebensgewohnheiten bedroht. M Die Jahrhunderte nach Moschda stehen auch unter den Vorzeichen jenes Kampfes. Nur so lässt sich das Auftreten von „Richtern* und Propheten erklären, die erneuernd und reinigend einwirken wollen, das.von Moschdk verkörperte Prinzip vertreten und darum stets das Volk einem Anbeten materialistischer Symbole, einem Erheben seines Sichgebmlassens zur Gottheit entreissen müssen. Dieser Kampf endigt mit der Zerstörung des ersten Reiches. Wir finden das Volk im einer eigenartigen Haltung wieder. Das Volk vergeistert sich, mm möchte sagen, es gewöhnt sich an die Verbannung. Wenigstens seine geistigen Führer wurden sich des Leidensweges, der seiner harrte,' bewusst und trafen ihre Vorbereitungen dazu, Vorbereitungen, die auf das Verhältnis zwischen der Masse und den Einselpersönlichkeiten in der kommenden jüdischen Geschichte schwere Schatten warfen. Wenn das Judenvolk — so war bewusst oder un&ewusst der Gedankengang — auf seiner Wanderung durch die Vöftermitte Judenvolk bleiben will, wenn es sich bereit halten will, bei gesünderen politischen Verhältnissen auf den Boden seiner Vater zurückzukehren, so muss es seine Weiterentwicklung einzuzwängen und unendlich zu verlangsamen suchen, denn jede Erneuern^ vorgenommen in fremdem Lande unter dem Eindrucke fremder Sitte und fremden Volksempfindens ist ein Sprössling auseiner. Mischehe zwischen jüd. und fremdem Geiste, ist kein lebens^ kräftige? Kind jüdischer Vergangenheit und — jüdischer Zukunft ist ein Schritt der Auflösung, dem Grabe entgegen. Wer ist es nun, der sich fremde Kultur aneignen kann? 7) Ein gar zu hübsches Beispiel für dieses psychologisch so begründete Wechseln in der Stellung zum Führer, bietet der letzte Akt des Ibsensclen Dramas „Brand".