Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1908)
- Date
- 1908-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 61 Wer bringt in einem Volkskörper Neuerungen und Entwicklungsformen hervor? "Wer ist also die grösste Gefahr für den Weiterbestand des Judentums? Die Fragen, notwendige Folgen der vorher gegangenen Erörterungen, sind leicht zu beantworten: „Der Einzelne". Die Einsichtigen am Beginne der Diaspora haben sie beantwortet und haben — das grösste Knebelungswerk der Weltgeschichte für den Einzelnen im Formjudentum, im Talmud geschaffen. Ich hoffe, es nicht hotwendig zu haben, zu erklären, dass ich von einseitig individualistischer Anschauung fern, jene Behauptung ohne Hass und Bitterkeit aufstelle, dass ich im Gegenteil vöm Standpunkte des pragmatisch Geschichte Treibenden die ungeheuren Vorzüge dieses Systemes für den Bestand des jüdischen Volkes sehr wohl erkenne. Denn allerdings hat diese über ein Jahrtausend währende Gebundenheit in Geist und Form an den Talmud gro^c Einzelindividuen ihrer erneuernden Gedanken wegen entweder wie Spinoza aus dem Judentum hinausgedrängt, oder sie wie Maimonides Jahrzehnte lang bekämpft und gebannt, allerdings hat sie grosse Männer nur mehr als Ausleger und Erklärer gelten lassen, wie Rasehi. Jbn Esra runzählige andere; allerdings hat sie damit geendigt, dass kein Schöpfender es wagte, seine Ideen als die seinigen ins Volk zu tragen, sondern sie unter den deckenden Schutz der Halachah, d. h. der ununterbrochenen Ueberlieferung von Möschen an, stellte. Gewiss ist sie noch heute für den Mangel an überlegenen und produktiven Geistern verantwortlich zu machen, den das Judentum aufzuweisen hat . Dafür aber haben wir * ihr die beispiellose Erhaltung eines Zehnmillionenvolkes ohne Land, ohne nationale Zusammengehörigkeit, ohne Sprache, unter den schlimmsten Bedingungen für eine Weiterexistenz zu verdanken, allein geeint auf dem Boden eines geistigen national-religiösen abstrakten Gedankens. Fürwahr, das Judentum hat seine Existenz bezahlt mit dem Verluste der Produktivität grosser Einzelner. Ein Urteil darüber, ob diese Tatsache zu beklagen oder mit Preude zu begriissen ist, lässt sich vom Standpunkte des Einzelnen oder der Masse aus nur einseitig geben; steht uns im Verlaufe einer psychologischen Studie natürlich nicht zu. - Eine mehr ins Einzelne gehende historisch-kritische Betrachtung der mittelalterlichen Tendenzder jüdischen Massenpsyche erübrigt sich für unsere Studie nach dem Vorhergehenden. Nur einige kleine Einwände gilt es von vorne herein zu zerstreuen.