Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1908)
- Date
- 1908-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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gen, das im Zukunftsstaat, wo ja der Einzelne ausgeschaltet wird aus der Reihe der kulturerzeugenden Faktoren, seine Stelle voll und ganz, mch jeder Richtung hin die Masse ersetzen soll), lässt sich am be£en aus der immer wiederkehrenden Eigentümlichkeit der Geschickte schliessen, das stets grosse Ideen und grosse Persönlichkeit von der Masse bekämpft wurden. Sk fühlt instinktiv (die Masse hat überhaupt nur Instinkt, nicht Vernunft), dass alles höhere, ins Geistige, Abstrakte Gehende ihre elmientaren Lebensbedingungen bedroht, sie zu mehr oder minder grossen Opfern zwingt, und darum hasst sie alles, was über das AEfcägliche, das ewig Gestrige hinaussteigt. Auch für diese Behauptung gibt es Beispiele genug von den ersten Blättern der Geschidkte bis zu unseren Tagen. Bruno Kirschner hat unlängst in einen psychologischen Skizze von der konservativen Tendenz, die glekhzeitig radikal sei, der jüdischen Psyche manches Hübsche gesagt*^ aber erstens lässt sich dasselbe bei allen anderen Nationen beobacMen, und dann ist diese vermeintlich radikale Tendenz'nichts anderes als eine andere Aeusserungsibrm der vorher konservativ benamÄn. Es ist nicht nur unnötig, sondern auch unrichtig, in dieser Beziehung einen Gegensatz der jüdischen Massenseele zu der änderbar Völker finden zu wollen. He Beispiele, die K. am Anfange seiner Ausführungen aus der jüafi. Geschichte bringt, sind nur Belege der hier über den Kampf mvischen Individuum und Masse, Uber das „reformatorische Talent" öfer Einzelnen und den dumpfen Konservatismus der Masse angefühitfen Theorieen. Die Geschichte der jüdischen Reformbewegung des neunzehnten Jahrhinderts — die als bewusste Bewegung, nebenbei bemerkt, lange nirht so breite Kreise der jüdischen Masse ergriff, wie von K. und von vielen anderen dargestellt wird — zeugt auch nicht von einsr radikalen Tendenz (die Masse kennt überhaupt keine Tendenzen), sondern gerade von dem blöden Sichgehenlassen und gedankeribsen Hindämmern im extremsten konservativen Sinne, das unabänderlich zur völligen Auflösung führt. Die Orthodoxie unserer Zeit ist auch nicht etwa als Gegensatz zu :jmem „Radikalismus" (der kein Radikalismus ist) unter das Wort, das blosse Wort „konservativ* zu bringen (denn die Masse als Ganzes ist ja konservativ), sondern in Wirklichkeit haben die Schöpfer unserer modernen Orthodoxie ganz gewaltig reformatorisch-radiiale Tendenzen in sie hineingetragen. Auch unser heutiges Nationaljidentum, das K. unter den Begriff des „ Konservativen * im prägnaiten Sinne rechnete, hat nichts mit Konservativismus zu tun. Dem es ist durchaus eine Neuschöpfung, mag es sich selbst in den basalen Formen der historischen Folge sich verstehen und begründen lassen. Es ist eine Neuschöpfung und zwar wie alle 5) cff. „Der jüd. Stud.« I No. 6 S. HS.