Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 2 (22.5.1908)
- Date
- 1908-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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Der jüdische Student. 37 wollte er das andere aus sich herausrrissen. Was ihm in diesem furchtbaren Kampfe bleibt, ist Verzweiflung und Lachen. fün Lachen, wie es bei Shakespeare etwa der grübelnde Dänenprinz Hamlet lacht. Auch ihm ist eine Tat aufgebürdet worden, für die sich sein Hirn zu schwindsüchtig, sein 'Wille zu gebrechlich -erweist. Und da das flackernde Feuer seiner Seele keine Erlösung findet, so ertränkt er es in ätzendem Spott, in beissenden Ausfällen auf durchaus belanglose Uebermcnschen. Aber überall lugt angstvoll die Verzweiflung, die Wut gegen sich selbst hervor. Heine wollte ein deutscher Dichter sein, wollte germanische Sinnenfreude und Goetheschen Frieden ausstrahlen: Es ist ihm nicht gelungen. Derselbe Schriftsteller, der so deutlich den Unterschied zwischen Sensualismus und Spiritualismus erkennt, vermag in sich zu dieser Erkenntnis nicht zu kommen. Da wird das öoethesche ..Stirb und Werde" an ihm zu ganz eigentümlicher erschütternder Wahrheit: In seinen Dichtungen rast ein ew iges Auf und Nieder, vom Himmel zur Hölle, von der reinsten Höhe zur gemeinsten Tiefe, wie ich es mit dieser zerstörenden Gewalt bei keinem andern gefunden habe. Man denke nur an das Gedicht „frieden" aus der „Nordsee". Heine liegt träumerisch am Steuer des Schiffes und hat. halb wachend, halb schlummernd, ein Gesicht: Er-schaut Jesus, der die flammende Sonne als Herz in der Brust trägt, und fühlt von ihm auf alles Leben einen himmlischen Frieden ausstrahlen. Mit. der höchsten Fülle von Stimmung wird dieser Friede dem Gedichte vom Dichter eingehaucht. Plötzlich aber zerrcisst er das ßild wie ein störrisches Kind, und es folgt eine empörende Anrede an den Geliebtesten, den frommen Philister, der trotz seiner Stärke im Glauben nicht fähig sei. auch nur den Schatten eines solchen Gedichtes hervorzubringen ... Einer meiner Bekannten, ein Deutscher, behauptete immer, ein Dichter, der so seine Stimmung wechseln könne, habe eigentlich nie eine wirklich tiefe Stimmung gehabt, blase sein Inneres nur künstlich in Begeisterung. Wahr ist es: Man müsstc schon ein Stockfisch sein, um sich nicht gegen die Vergewaltigung in dem genannten Gedicht •aufzulehnen oder das berühmte „Doktor, sind Sie des TeufelsJ?4' ruhig hinzunehmen, mit dem die grossartige Schilderung eines Seegespenstes jäh und trivial abgebrochen wird. Aber man müsste auch eine ebenso ärmliche Seelenkenntnis besitzen, wollte man hierin nichts erblicken als die Sucht' nach irgendwie verblüffenden Mätzchen, die hämische Freude an einem glücklich erhaschten Boulevardwitz. Ein so billiger Sünder ist dieser Dichter denn doch nicht. Der tiefste Grund für seine Selbstauflösung liegt für mich in seiner Ehrlichkeit. Wenn er von der Jesuserschcinung plötzlich zu dem Geliebtcsten hinabsteigt, dann kommt's mir vor, als schämte er sich einer Begeisterung, der sein ganzes Herz doch niemals gehören kann, als müsste er zur Busse für seine hinaufeilende Phantasie sich selbst züchtigen. Er streicht, bitter lächelnd, mit krampfhafter