Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1908-04-17 · Heft 1 (17.4.1908) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
5 (1908-1909)
Issue
Heft 1 (17.4.1908)
Date
1908-04-17
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537654-3537655--0872-3538952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der jüdische Student. 17 Heilmittel für die aufgezählten Schäden bilden? — Wir werden nach Erwägung der einschlägigen Punkte zu einer beiahenden Antwort auf diese Frage kommen müssen. Es mag wohl unbestritten sein, dass ehrliche, angestrengte Arbeit draussen in Gottes freier Natur das beste und einfachste Mittel ist, um aus in Stubenluft und Bücherstaub erstickenden, hinter dem Ladentisch und Kurszettel vertrocknenden, in steter, nimmer rastender Jagd nach dem Mammon ruhelosen, von Katzenbuckeln und Hutabziehen entwürdigten, vom ewigen Kramen unrd Handeln und Feilschen zur wandelnden Zahl gewordenen Menschen — wenn auch nicht von heute auf morgen, daswerden wir noch sehen — Menschen zu machen, die mit geradem Rücken und hellen Augen einhergehen, denen jeder anbrechende Tag eine Freude und eine Lust ist, weil er ihnen Gelegenheit bringt, die Glieder zu regen in fröhlicher, gesegneter Arbeit. Ja, wird man einwenden, wird denn die Arbeit eine gesegnete, eine materiell fruchtbare sein? — Ich glaube wohl! — in den westeuropäischen Ländern (die andern entziehen sich meiner Beurteilung) bietet die Landwirtschaft, wenn sie nur einigermassen rationell, mit Energie und Umsicht betrieben wird, eine zwar nicht glänzende, aber immerhin ziemlich gesicherte Existenz. Der Jude wird seine geistige Schulung dazu verwenden, die Fortschritte der Technik und der Agrikulturchemie sich schneller nutzbar zu machen als das sonst bei dem eingesessenen Bauernstand der Fall ist, und wird doch andererseits wieder vorsichtig und gewitzigt genug sein, sich nicht in unerprobte Neuerungen einzulassen. Die ererbte kaufmännische Fähigkeit wird ihm im neuen Berufe ausserordentlich zu statten kommen, wo sich doch tagtäglich zeigt, dass alle landwirtschaftliche Eignung dem Bauern nur dann zum Erfolg verhilft, wenn er ihr ein Quantum kaufmännischen Geistes zuzusetzen weiss. Und an einer Entwickelung zu diesem Ziele hin könnte jeder Jude mitarbeiten, welchen Standpunkt er auch in Bezug auf die Lösung der immer brennender werdenden Judenfrage einnimmt. Wer der Ansicht huldigt, dass die Juden in ihren jetzigen Wohnsitzen ihre volle Gleichberechtigung und eine gesicherte Zukunft zu erreichen vermögen werden, der kann gewiss seine Hand dazu bieten, um seinen Stammesgenossen die geschilderten Vorteile zu verschaffen, und zugleich dem Antisemitismus, gegen den zu kämpfen er ja für aussichtsvoll hält, eine seiner schärfsten Waffen, die mangelnde Liebe der Juden zur vaterländischen Scholle, die Ausbeutung der ländlichen Bevölkerung durch die Juden, die Monopolisierung des Handels in ihrer Hand — zu entringen. Aber auch derjenige, welcher der Ueberzeugung ist, dass der Judennot nur gesteuert werden kann, wenn wir im alten Land der Väter, oder auf anderem, fremdem Boden, den Juden die Möglichkeit verschaffen, sich nach ihren Stammeseigentümlichkeiten ungestört auszuleben, dem — ja dem ganz besonders — wird es eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.