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Der jüdische Student · 1908-03-17 · Heft 12 (17.3.1908) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 12 (17.3.1908)
Date
1908-03-17
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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316 Der jüdische Student. Jehuda, der Redaktor der Mischna, diese Erfahrung zum Ausdruck gebracht: »Von der Thora soll man die Prizipien einsammeln und die Einzelbestimmungen ausgeben; denn wenn Einer alle Einzelheiten sich merken wollte, würde er müde und wüsste sich nicht zu helfen. Wenn Jemand auf einer Reise hundert Mark braucht und sie in Pfennigen mit sich schleppen wollte, könnte er matt werden: er soll sie darum in Gold bei sich tragen, er kann ja überall wechseln lassen." Es gib: noch ein anderes Rezept für die Verminderung des Ballasts. Die Mischna sagt einmal: „Wenn einen sein Wissen schwer drückt, wie Eisen, dann kommt das davon, dass er es nicht geordnet hat." Es ist ein häufiger Fehler, dass Jemand gar nicht mehr übersehen kann, was er gelernt hat, weil seine Kenntnisse ganz wirr im Gedächtnis durch einander lagern. In nichts unterscheidet sich ein geordnetes Studium so sehr vom mechanischen Pauken, als eben in dieser Sorge für die Ordnung des Wissens. Darum ist es bei jedem Studium wichtiger, das System zu erfassen, das die Wissenschaft durchzieht, alles Lernen erscheint dann vereinfacht. Ein Jurist, der den Plan des Rechts gefunden hat, kann ohne weiteres angeben, was in irgend einem Paragraphen stehen muss, obwohl er das Gesetzbuch nicht auswendig gelernt hat, und ein Historiker, dem in grossen Zügen der Verlauf der Geschichte vor Augen steht, wird die goldene Bulle nicht Friedrich dem Grossen zuschreiben. Gerade das unterscheidet den klaren Kopf von dem verworrenen, dass er Allem, was er weiss, seinen Platz anweisen kann. So ist auch von einem grossen Lehrer der Mischna, von R. Ismael, gerühmt worden, er übersehe sein Wissen, wie der Kaufmann sein Warenlager, in jedem Augenblick kann er jedem Kunden geben, was er verlangt. Zum rechten Studium gehört auch Anschaulichkeit. „Schätze das Beispiel nicht gering," mahnt der Midrasch. Die Sätze der Wissenschaft sind an sich trocken und nicht anschaulich, sie gewinnen Leben erst durch das Beispiel und die Anwendung. „Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor," sagt einmal das Bürgerliche Gesetzbuch (§ 164, Abs. 2), „so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht." Wie schwierig klingt das! Und wie einfach ist die Sache, um die es sich dabei handelt! Durch die lebendige Form ihrer Sätze sind gerade Bibel und Talmud charakterisiert. Wenn Jemand sagen wollte, „man muss auch dem Feinde Gutes tun", dann würde sich das hölzern anhören. Wie ganz anders aber dringt die Mahnung der Bibel (II. B. M. 23. 4, 5) ans Herz: „Wenn Du den Ochsen Deines Feindes oder seinen Esel umherirren siehst, dann musst Du sie ihm zurückbringen; wenn Du siehst, wie sein Esel unter seiner Last erliegt, dann darft Du ihn nicht verlassen." Hier spricht das Leben packend aus dem Paragraphen. Darum tut es Not, bei jedem Satz der Theorie sich zu fragen: „Wie würde das in der Praxis sich ausmachen?", und immer gilt es, dem Allgemeinen anschauliche Form zu geben. Die Alten waren gross in dieser Kunst. Als Jochanan ben

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