Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1908)
- Date
- 1908-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 315 Du es festhalten." Aufgaben, die er nicht übersehen kann, lähmen immer den Mut des Menschen. Ich habe einmal eine Schiefertafel gesehen, auf der ein Gefangener die Dauer seiner Strafzeit in Tagen und Stunden berechnet hatte. Aber als er die Tausende von Tagen, die Zehntausende von Stunden sah, die er noch abzubüssen hatte, da erfasste ihn die Verzweiflung, und in dieser Stimmung erhängte er sich. Hätte er sich gesagt „noch sieben Jahre", dann wäre er wohl ruhiger geblieben. So mag es auch dem Studenten dunkel vor den Augen werden, wenn er die gewaltige Menge Gelehrsamkeit bedenkt, durch die er sich durcharbeiten soll. Da gibt es nur einen Rat. Man muss kleine Aufgaben sich vornehmen. Es darf einer nicht denken: „Ich muss mir jetzt die 2385 Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches einverleiben", sondern er muss an ein begrenztes, leicht übersehbares Gebiet, etwa den Kauf, sich machen, und wenn er damit fertig ist, an ein anderes, das nicht grösser ist, etwa an die Miete, und diese kleineren Felder bearbeiten, als ob es sonst gar nichts mehr gäbe. So sieht er immer kleinen Aufgaben sich gegenüber, die ihn nicht schwindlig machen, und wie aus vielen Pfennigen der Taler, erwächst bei ihm ganz allmählich aus Einzelstudien eine gründliche Kenntnis des gesamten Gebietes. Auf diese Art des Studierens haben unsere Alten ein Wort aus den Sprüchen Salomos angewendet (Cap. 13, V. 11): „Ueberhasteter Reichtum schwindet dahin, wer aber nach und nach sammelt, wird weise"; sie haben gesagt: „Wenn Jemand Kenntnisse haufenweise sich aneignen will, dann nimmt sein Wissen ab, wenn er aber Eines nach dem Andern studiert, dann nimmt es zu." Diese Behandlung von Einzelfragen hat denn auch wieder ihre Geheimnisse. Es gibt genug Leute, die eine Menge von Kenntnissen haben, denen aber völlig die Fähigkeit abgeht, das Ganze zu übersehen. Sie wissen, dass Jerusalem in Palästina liegt, aber auf der Karte können sie das Land nicht finden, sie glauben, es liege in Afrika (diese Meinung ist eigentümlicherweise bei Schülern sehr verbreitet). Darum muss es beim Studium eine Hauptaufgabe sein, aus der Masse des Kleinkrams die grossen Grundsätze herauszufinden. Die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen lässt sich immer auf wenige Bedingungen zurückführen. Allen Gebilden der Natur liegen die wenigen Elemente der Chemie zu gründe, und wer die 25 Buchstaben des Alphabets kennt, kann alle denkbaren Worte schreiben. Wer sie nicht wüsste und sich etwa die Bilder der Worte selber einprägen wollte, der könnte sein ganzes Leben lang schreiben lernen. Was in der Chemie die Elemente und in der Schreibkunst die Buchstaben des Abc, das sind in den Wissenschaften die Prinzipien und Grundbegriffe. Ein Jurist, der beispielsweise die Begriffe der Verjährung und der Giundschuld richtig erfasst hat, dem der Unterschied zwischen dinglichen und obligatorischen Rechten aufgegangen ist braucht sich nicht mehr viel mit Einzelheiten abzugeben, sie ergeben sich für ihn fast von selber. In einem packenden Bild hat R.